Wie ich in Brandenburg mein erstes Aquarell malte
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Wie ich in Brandenburg mein erstes Aquarell malte

Das mit dem Schreiben ist so eine Sache. Mal fließt es, mal stockt es. Gerade stockt es wieder. Ich würde viel lieber malen. Wobei es wohl auch dort Flauten geben soll. Mein Aquarellkursleiter aus der Prignitz hat es bestätigt „Man muss schon Muße haben. Die ist nicht auf Knopfdruck abrufbar.“ Wie ich es also mache, ich ende immer wieder in der Sackgasse des kreativen Schaffens.

Wohnt die Muse in Brandenburg?

Ich schiebe es gern auf die nicht so inspirierende Umgebung. In einer Berliner Nordwohnung ist wenig rauszuholen, der Balkon zur Straße ist laut und was ich da alles einatmen würde… Auf Reisen geht das meistens besser. Und hätte ich mehr Zeit gehabt, würdet ihr längst von meinem Ausflug nach Brandenburg gelesen haben. Dort traf ich nämlich in der vergangenen Woche Brigitte und Horst Oppenhäuser. In ihrem Feriendomizil „Kulturhof“ habe ich im malerisch inspirierten, knallroten Nolde-Zimmer genächtigt und mich vor allem vom 12-Häuser-Dörfchen Breetz, den Installationen von Künstler Oppenhäuser und dem relaxten Landleben bemusen lassen.

Brandenburg Breetz Kulturhof Zimmer Nolde

Für gewöhnlich, und nur selten im Jahr, rauscht Brandenburg für mich am Auto- oder Zugfenster so vorüber: unten Feld oder Wiese, oben Kiefern und darüber der Himmel- alles in geordneten horizontalen Abschnitten. Plattes Land. Letzte Woche bin ich durchgefahren. Da reichten die Kiefern sogar bis zum Boden, manchmal waren es auch Eichen. Und alles so hübsch in Alleen angeordnet. Mit einem grünen Tunnelblick tuckerten wir durch die Prignitz, von der ich bis dato dachte, sie sei ein Fluss. Wer hätte das gedacht, es ist der Name eines größeren Gebietes und eines Landkreises in Brandenburg, fast 200 Kilometer von Berlin entfernt.


Fotos: Brandenburg an Elbe und Löckniz

Zu Gast bei Künstlern

Unsere kleine Reiseroute verlief immer parallel zur Elbe von Wittenberge nach Breetz (kurz vor der Grenze nach Meck-Pomm). Hier traf ich die Rheinländer, die mittlerweile drei Häuser und Scheunen des Dorfes restauriert und ausgebaut haben. Standesgemäß ist es bunt bei Graphiker Horst Oppenhäuser. Die Scheune des Kulturhofes ist frei nach Hundertwasser angemalt, die Zimmer des Hauses seinen Lieblingsmalern gewidmet: Cezanne, Monet, Raphael, Nolde. In seinem Atelier sitzen wir beim Frühstück am großen Holztisch, vor dem Kamin unter einem Kristalllüster. Ringsherum haben die Engelsfiguren (ein Faible der Hausherrin) einen wohlwollenden Blick auf alles, auch auf den schwarzen Kater, der nach dem Käse tastet.

Brandenburg Breetz Kulturhof

Die Eheleute schwärmen fürs hiesige Landleben, die Ruhe, die Nachbarschaft, das morgendliche Schwimmen in der Löcknitz hinterm Garten – mehr als verständlich, wenn man sich dieses Anwesen anschaut. Und natürlich haben sie weitere Ausbau-Pläne. In der Scheune am Künstlerhof kann noch was gemacht werden: „Wir würden gern was für Jugendliche machen.“ sagt die Gastgeberin. Kindern aus Pflegefamilien oder –heimen Ferien auf dem Bauernhof anbieten, wäre so eine Idee. Die Hoftiere sind schon da: 11 Schafe, 4 Katzen und 2 Hunde treiben sich auf den Grundstücken am Ortsein- und -ausgang herum. Ich konnte die beiden Herrschaften nicht überreden, mir ihren Kater Sylvester auszuhändigen. Schade!

Malkurs auf Rädern

Künstler Oppenhäuser hat schon mal den Tag geplant: „Ich schlage vor, wir nehmen die Fahrräder, ich kann die Staffelei im Anhänger mitnehmen. Fahren wir an die kleine Brücke bei Seedorf, da gibt es schöne Motive.“ Ich bin mit allem einverstanden, Hauptsache mal wieder was mit den Händen werkeln und ohne den Kopf über Wörter zu zerbrechen. Der Weg ist nicht weit, an der Löcknitz entlang fahren wir zum nächsten Dorf. Mitten im Biosphärenreservat der Prignitz stellen wir die Räder ab, bauen die Staffelei auf und drapieren die Farbnäpfchen. Ich habe seit Ewigkeiten keinen Pinsel mehr in der Hand gehalten, aquarelliert schon gar nicht.

Aquarellkurs in der Prignitz

Aber der Maler macht das mit den Kursen öfters und hat Geduld. Die Wolken haben sich ebenfalls eingefunden, blauer Himmel ist ja langweilig. Malt er denn oft draußen, frage ich meinen Lehrer. „Eher nicht. Ich mag es nicht, wenn Fliegen oder Blätter aufs Papier fallen. Außerdem trocknet die Farbe und das Wasser auf dem Papier zu schnell, wenn es sonnig oder windig ist.“ Er arbeite lieber im Atelier, wo er Ruhe hat und nichts ablenken kann. „Manchmal mache ich nur die Skizze oder ein Foto und mache dann Zuhause weiter. Aus dem Urlaub bringe ich auch viele Ideen mit, die ich erst in der Werkstatt ausarbeite.“ Vor meinem inneren Auge laufen gerade 5000 Fotos der letzten Reisen durch, die ich mal als Aquarell umsetzen könnte… Aber erst einmal üben!

Aquarellkurs in der Prignitz

Die Freiheit des Künstlers

Oppenhäuser erklärt mir kurz das Prinzip Nass-in-Nass-malen, bevor wir schrittweise nacheinander arbeiten. Der Vorteil des Malens gegenüber dem Fotografieren: Der Maler kann Strommasten und Stromleitungen einfach weglassen, er kann Wolken eliminieren oder Seerosen, die gar nicht da sind, dazuerfinden. „Die Freiheit des Künstlers“ schmunzelt er und legt los. Er zeichnet vor, ich zeichne vor. Er malt den Himmelsausschnitt nass, ich male den Himmelsausschnitt nass, dann Blau, dann Blau usw. Irgendwann gucke ich nicht mehr auf den Flussverlauf, die Bäume und das Schilf vor mir. Die Farbe fließt und bahnt sich eigene Formen. Es wird wohl doch eine Fantasielandschaft. Dazwischen immer wieder warten, dass die Farbe trocknet.

Aquarellkurs in der Prignitz Brandenburg

Wir sind gut eine Stunde beschäftigt, arbeiten fast wortlos. Ich muss mich schließlich konzentrieren. Mein Lehrer schaut gelassen zu, greift nur ein, wenn ich frage oder panisch gucke. Dann kommt der Punkt, den ich fast immer erreiche: Es gefällt mir nicht. Ich möchte dringend korrigieren. Zu spät, alles schon fast trocken. Nach den letzten verfeinernden Pinselstrichen befinde ich den Versuch für halbwegs gelungen. Mein Lehrer ist höflich und hält meine Leistung für gut. Der Karton muss nun trocknen und verschwindet im Anhänger. Die Staffelei wird eingeklappt und ebenfalls verstaut. Das fahrende Künstlerbüro ist geschlossen für heute.

Aquarellkurs mit Horst Oppenhäuser

Brandenburger Inspirationen

Im Seedorfer Cafe Löcknitzterrasse verputzen wir zur Feier des kreativen Tages ein dickes Stück Eierlikörtorte, serviert von einer überschwänglichen Besitzerin Christine, die Horst Oppenhäuser bestens kennt. Entspannt treten wir wieder in die Pedale. Oppenhäuser fährt einen kleinen Umweg, denn er hat letzte Woche ein Schwanennest entdeckt, das er mir zeigen möchte. Wir halten bei den sieben Schwänen, als sich die Sonne gerade hinter einer Wolke verstecken will. Intuitiv hab ich die Kamera wieder vor dem Gesicht und knipse die Schwanenfamilie im Abendlicht. Ich könnte es Zuhause ja mal malen. Oder auch eine Allee, eines der Breetzer Fachwerkhäuser, das Elbauental, die Teichrosen auf der Löcknitz, den Lavendel auf der Burg Lenzen oder doch Kater Sylvester… wer hätte es gedacht, dieses Brandenburg kann inspirieren. Ich würde fast sagen wollen, meinen Alterssitz aufs Land verlegen zu wollen… aber da steht ja schon ein anderes Dorf fest!

Und, wozu habt ihr euch zuletzt inspirieren lassen?

p.s. Liebe Mutti,
keine Angst, ich fange jetzt nicht noch mit der zweiten brotlosen Kunst an. Ich bleibe beim Schreiben und male nur zur Entlastung des Hirns 😉

Diese Recherche wurde unterstützt von Tourismusmarketing Brandenburg. Herzlichen Dank auch an Familie Oppenhäuser!

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