Wie ich in Hammerfest endlich das Nordlicht einfing
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Out Of Blue Comes Green

Wie ich in Hammerfest endlich das Nordlicht einfing

Nordlichter

Vor so ziemlich genau 10 Jahren landete ich das erste Mal auf Island. Auf der Fahrt vom Flughafen Keflavík nach Reykjavík bog mein Fahrer urplötzlich auf einen Feldweg ins schwarze Lavafeld ab. „Da ist eins“, zeigte er aus dem Autofenster.

Sehnsucht

Ich schmiss sofort die Tür auf, sprang aus dem Gefährt und sah: nichts. Er musste noch ein paar Mal in den Himmel deuten, bis ich den grauen Schleier über mir als das erkannte, was es sein sollte: ein ganz schwaches Nordlicht. Nicht grün, nicht wirklich flatterig. Ich war der Meinung, das könne nicht alles sein, ich müsse jedoch auf einem guten Weg zu besseren Sichtungen zu sein und beschloss, dass ich noch nichts gesehen hatte. Der Trip war eine Katastrophe, mehr Nordlichter gab es auch nicht. Ich suchte seither immer wieder mal in einem Nordland nach grünen Schleiern am Himmel.

Gerade holte man mich hier in Hammerfest vom Scandic Hotel ab, aus dessen riesigen Fenstern ich eigentlich schon den hell erleuchteten Hafen beobachtet hatte, samt Himmel. Als wir ins Auto steigen, schaut Fahrer Christian zum Hafen rüber. „Ich glaub, das ist sogar schon ein kleines schwaches…“ Achja, kleine schwache. Ich behalte die grauweiße, fast durchsichtige Wolke im Auge (die gilt natürlich nicht!), während wir die anderen Polarlicht-Safaristen abholen.

Hammerfest Ausblick

Aufregung

Als wir die Lichter von Hammerfests Nacht-Loipe hinter einem Hügel verschwinden sehen und nur noch der fast volle Mond den Himmel mit Helligkeit verschmutzt, werden es mehr und mehr solcher schwacher kleiner Wolken. Sie bewegen sich! Sie bewegen sich, das kann nicht der Wind sein! Nein, nicht grün, nur ganz hell, hellgrau… aber sie tanzen! Es ist eine Aurora borealis, deren Sichtung ich jetzt echt mal als solche gelten lassen muss, auch wenn sie immer noch nicht das Grün oder andere intensive Farben zeigt, die ich doch immer auf Fotos sehe!

Ungeduld

Ich hibbel wie ein Junkie auf dem Beifahrersitz. Will er nicht mal anhalten? Wir müssen noch Stative aufbauen und so, das dauert doch alles! Was, wenn die Lichter in der Zeit wieder verschwinden? Keiner kann wissen, wie lange sie da sind, das Nordlicht ist unberechenbar. Ein Sonnenwind, der Millionen Kilometer entfernt losstürmte und jetzt ganz aufgeregt in unsere Atmosphäre tanzt. Ich muss mir wirklich auf die Lippe beißen, ich kann nicht immer der Drängler sein, der ständig was fotografieren will und alle zum Aussteigen zwingt.

Unerträgliche Spannung

„Ist nicht mehr weit bis zum Strand“ und „Wow, die sind ja überall“ tönt es vom Rücksitz. Ja, wem sagen sie das?! Ich will hier raus. Ich überlege für eine Drittelsekunde, ob ich einfach aus dem fahrenden Auto rollen sollte? So gut wie ich in den Klamottenschichten gepolstert bin… Nein, geht nicht, die Kamera und das Stativ liegen im Kofferraum, die brauch ich ja! Ruhig bleiben. Es waren ja auch nur 10 Minuten von der Stadt bis zur Kirkegårdsbukta bei Forsøl, einem kleinen Strand, von dessen sommerlichen Qualitäten Katja vorhin schon schwärmte. Im Sommer würden hier die Rentiere vorbeikommen.

Erlösung

Endlich! Wir halten! Der Mond scheint taghell, trotzdem sehe ich es flackern. Direkt über meinem Kopf. So hab ich mir das vorgestellt! Es ist schnell, an manchen Stellen stärker, kräftiger sichtbar und der dickere Knoten im Band wandert bis aufs Meer hinaus. Wir müssen durch Schnee und über vereiste Grasbüschel, also eigentlich nach unten sehen und nicht stolpern. Im Gehen und Himmelstarren und Wegbeachten packe ich schon mal das Stativ aus, fahre die Beinchen aus. Bis zum Strand ist es mir zu weit. Die transparenten Schleierwolken sind direkt vor mir, über mir, hinter mir – ich seh sie langsam klarer und mit (vermutlich) Einbildung auch schon grünlicher. „Viele Leute sind enttäuscht, wenn sie das erste Mal ein Polarlicht sehen. Sie sind auf Bildern immer intensiver als in echt.“ hatte Katja mich vorgewarnt.

Mehr Fotos vom Nordlicht

Ich bohre die Beine des Stativs in den Schnee und kurble an den Einstellungen der Kamera, wie ich es bei meinen Lieblingsnordlichtfotografen gelesen hatte. Christian tut ebenso, wir haben hübsche Bergketten zu beiden Seiten, einen strahlenden Mond und das Lichtband über uns. Das sollte ein gutes Motiv abgeben. Wir lösen die Kameras aus. Nervös wippe ich von einem Fuß zum anderen und krieche förmlich ins Display der Kamera. Es ist totenstill.

Freudenschrei

Sekunden später strahlt auf dem Display ein grellgrüner Streifen im blauen Himmel. „Wow! Der Hammer! Diese Farben!“ sprudelt es durch die stille Nacht. Noch ein Versuch, ob das zweite Bild auch so wird. Klick und „Jaaa!!!“ Meine Safari-Kollegen kennen das Schauspiel am Himmel schon. Aber sie haben genauso den Kopf im Nacken und staunen laut vor sich hin. Das Firmament ist auf einmal so unendlich groß wie das Universum. Und überall ziehen Bänder mit sogenannten Vorhängen entlang. Wie hüpfende Bretter an einem langen Zaun, der ins Unendliche führt. Wie ein toxischer hellgrüner Fadenregen vom Krypton. Ich habe einen Weitwinkel dabei, der reicht aber nicht! Er reicht nicht für diese Farbbänder, die vom Meer bis zum Horizont der Bergkette verlaufen. Wir sind uns alle einig: Wir sind verdammte Glückskinder!

Nordlichter über Hammerfest, Nordnorwegen

Steigerungen

„Kommt hierher“ höre ich Katja rufen. Über vereiste Holzplanken wandern wir auf den Strand zu. Gut, dass ich mir Schuhkrallen eingepackt habe! Die kleine Bucht namens Kirkegårdsbukta misst keine 200 Meter Breite. Von relativ flachen Berghängen eingefasst rauscht das Meer auf diesen kleinen Flecken Sand zu. Es ist windig, wie immer um Hammerfest. Aber es ist nicht bitterkalt mit -2°C. Wir postieren uns im goldenen Sand und nehmen das spiegelnde Wasser des Atlantiks ins Visier. Der Nordlichtsturm wütet noch immer über den Himmel. Hinter den ordinären Wolken kräuselt sich das grüne Band zu einer Spirale. „Ich würde es ja gern mal in anderen Farben sehen“ sagt Safarist Nr.3. Fortgeschrittene Aurora-Beobachter können sich so etwas wünschen, ich als Anfänger bin ja schon mit der grünen Ausprägung sehr zufrieden. Von mir aus darf Frau Aurora immer im grünen Kleid vorbeikommen, ich mag Grün! Auf den Bildern wird später auch ein bisschen Violett sichtbar. Vermutlich ist das Mondlicht wirklich nicht sehr hilfreich.

Nordlichter über Hammerfest, Nordnorwegen

Meine Safari-Truppe breitet nach einer Stunde ein Picknick aus. Katja hat Tee gekocht und Christian spendiert norwegische Kitkats für alle. Ob mir kalt sei. Kalt? Ich schwitze wie ein Eisbär auf Landurlaub! Meine Aktivkohle-Heizsohlen haben den Test auf jeden Fall bestanden, ich dampfe von den Füßen aufwärts. Außerdem bin ich in Bewegung, ich schwenke ständig die Kamera und das Stativ von einer Seite des Strandes zur anderen, auch mal nach oben vom Strand weg. Nein, da wird mir nicht kalt. Aber die Nordlichter scheinen sich langsam zu verziehen. Sie werden dünner und dünner, die Sterne strahlen immer kräftiger zwischen ihnen durch.

Abschied

Nach 2 Stunden machen wir uns auf den Weg zurück zum Parkplatz. Und ich Idiot klappe schon mal das Stativ zusammen. Als wir die Böschung vom Strand zum Weg geschafft haben und auf dem Holzweg zurück sind, kann ich wieder nach oben sehen. Ich will sehen, wie es angeblich einfach so verschwindet.

Überraschung

Doch Frau Aurora tut wie sie will: Sie legt wieder ein Schippchen drauf. Und jetzt haut sie mich echt um! Eine Korona! Wie bei einem Mikadospiel fallen genau über uns die langen Strahlen in gelblichem Grün und Violett in alle Richtungen auseinander. Sie reichen von der Mitte des Himmels über uns bis zu jedem Punkt des Horizonts, wie ein Feuerwerk, wie eine Blume… Ich sitze auf den Knien und versuche verzweifelt das Stativ wieder aus seiner Hülle zu zerren, es auseinander zu fahren und die Kamera wieder aufzuschieben. Es dauert zu lange. Mein allererstes und lang andauerndes Nordlicht hat beschlossen, sich keinem weiteren Foto mehr zu stellen. Ich bin so auf Adrenalin, ich kann dem Sonnensturm und all den lustigen Atomen und Partikeln da oben in der Atmosphäre gar nicht böse darum sein. Wenn ich in den kommenden Nächten nichts mehr sehen sollte, hatte dieser Trip genau hier und heute in Hammerfest schon alles geboten, was ich hier oben wollte.

Nordlicht Korona Hammerfest

Im Hotelzimmer lass ich vorsichtshalber die Vorhänge auf – die Sonne wird mich garantiert nicht wecken und wer weiß, vielleicht huscht ja noch einmal etwas über den Himmel 😉

Infos für Nordlichtfotografie

1. Es geht nicht mit einem Smartphone!
2. Man benötigt ein Stativ und eine Kamera, die manuelle Einstellungen (Modus M) zulässt, und einen Weitwinkel
3. Grundregel: Hohe ISO, hohe Blende, nicht mehr als 30 Sekunden Belichtungszeit (die Erde dreh sich und Sterne verwischen). Fokus ebenfalls manuell und auf unendlich. Ich empfehle den AV-Modus, der regelt die Belichtungszeit automatisch.
4. Je schneller das Nordlicht, desto höher muss die ISO, weil die Verschlusszeit geringer sein sollte.
5. Der Rest ist persönliches Experiment.

Meine Recherchereise wird unterstützt von Visit Norway. Auf die Nordlicht-Safari wurde ich eingeladen von den Mitarbeitern von Turist Hammerfest. Danke euch, Leute!

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