Wie ich zum Storchenfeierabend nach Rühstädt reiste
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Deep In The Meadow

Wie ich zum Storchenfeierabend nach Rühstädt reiste

Weich-holz-aue – ich muss das mehrmals langsam vor mich hinsagen und nicht dabei stolpern, während ich dem kleinen Weg durch das surrende, grüne Buschwerk folge. Ein Storch stakt über die Nebenwiese, aber ich muss mich konzentrieren. Auf einen moosbewachsenen, glitschigen Steg geht es nur noch wenige Meter weiter. An seinem Ende stehen zwei scheinbar vergessene Holzbänke, von Feuchtigkeit und Sonnenlicht zu einem morbiden Schaubild der Vergänglichkeit gewandelt.

Ich möchte mich setzen und die folgenden Stunden nur noch auf die silbergrünen Weiden – das Weichholz – schauen oder sogar malen, die um mich herum im Wind schaukeln und rauschen. Aber was, wenn ich hier anwurzle? Die Sonne tut ihr Bestes mich festzubrennen. Käfer, Fliegen und Bienen singen mich schwindelig. Das Auenland der Elbe ist gefährlich! Vor allem für müde Städter und Nordwohnungsbewohner, die beim Öffnen des Fensters das Rauschen der Autos gewohnt sind.

Weichholzaue Cumlosen, Prignitz Brandenburg

Man reißt mich weg. Ich muss weiter, von den Weiden und Pappeln über den Elbdeich, auf dem Radfahrer munter kreuzen und grüßen. Die Elbe selbst ist nicht zu sehen, sie hat sich in ihr breites Bett zurückgezogen. Ihr Überschwemmungsgebiet, die Aue, wächst und wuchert vom Deich beschützt vor sich hin und wird hauptsächlich im Frühjahr überflutet. Weich- und Hartholz bewachsen die Flussufer und versperren den Blick von Weitem. Die Elbauen der Prignitz gehören zu einem geschützten Biosphärenreservat.

Storchenfeierabend in Rühstädt

Mein Bios sphärt bereits einige Kilometer elbabwärts. 38 Storchenpaaren und deren Nachwuchs haben sich in dieser Sphäre eingenistet. Die Alten kreisen über den Dächern des kleinen Rühstädts, während die Jungen in den Nestern hocken und fauchen. Ich sitze im Storchenhof und warte auf mein Schnitzel und Jürgen Herper vom örtlichen Storchenclub – ganz ohne zu fauchen.

Während ich noch einem Regenbogen nachsinne, beginnt Herr Herper schon einmal den Storchenfeierabend und setzt sich in Bewegung, es ist ja schließlich schon 20 Uhr. Störche, erfahre ich, futtern gern mal einen Frosch, einen Hamster oder auch einen kleinen Hasen (schluck). Das alles kreucht und fleucht in der Wald- und Wiesenlandschaft der Elbe. Die Überschwemmungen haben also durchaus Sinn.


Fotos: Störche in Brandenburg

„Rühstädt hat 220 Einwohner, 80 sind im Storchenclub und 43 haben Storchennester auf ihrem Dach.“ erklärt Storchenmann Herper mir. Es gäbe kein anderes Dorf in Deutschland, das mehr Störche beherbergt. Ich schau zu den besetzten Horsten hoch, in denen sich die Jungstörche drängeln. Zu zweit, dritt und viert hocken und stehen sie da, flattern mit den Schwingen. Keiner hebt ab. Die Eltern staken derweil noch über die Elbauenwiesen, um den täglichen Bedarf von 6 Kilo für sich und die Jungen zu decken.

Aquarell-Versuch: Störche in Rühstädt

Aquarell-Versuch: Störche in Rühstädt

Balkonblick auf die Storchennester

Ab 21.30 blicken wir vom Balkon einer Scheune über die Dächer des beschaulichen kleinen Storchendorfes und warten auf die Adebars. Die Erdkrümmung dimmt das Licht, die Schäfchenwolken färben sich zartrosa. Ich könnte schon wieder festwurzeln auf diesem Ausguck hoch über den bunten Bauerngärten. Ein leises Fauchen zischelt fast unheimlich durch die Luft. „Die Jungen rufen nach Futter.“ Beruhigt mich der Storchenmann. Und dann schwingen sie herein, einer nach dem anderen: die Altvögel! Nach der Landung die Begrüßung: Sie werfen den Kopf in den Nacken und klappern los. Das Storchen-Konzert schallt über das ganze Dorf und seine orangenen Ziegeldächer – wer hier wohnt, kann sich die Kuckucksuhr sparen.

Rühstädt Storchennester

Es wird ausgewürgt, was die Elbwiesen so hergaben. Wie die Geier machen sich die Jungstörche über die Beute her, augenblicklich ist Ruhe. Allerdings nicht lange, denn nach dem Essen ist vor dem Essen, man kann ja schon mal die nächste Ration anfordern. Aus dem Halbdunkel kommt Herpers Stimme, während ich immer noch das Nest direkt gegenüber fixiere „Die Nimmersatte werden ab Mitte Juli nicht mehr gefüttert, damit sie endlich das Nest verlassen und selber losfliegen.“

Ich würde auch nicht wegflattern, wenn mir täglich einer ein bisschen bevorzugtes Nahrungsmittel (Schoki oder so) ins Nest wirft. Ich würde ja kaum von diesem Balkon weichen. Gegenüber hat sich ein Altstorch zum Schlafen aufgestellt. Er schläft auf einem Bein. Abwechselnd. Und wacht beim Beinwechsel nicht auf! Mein inneres Tier ist sicher kein Storch, ich besitze eher den Gleichgewichtssinn eines… Bibers… und ein solcher würde in diesem Auenland ganz sicher Wurzeln schlagen.

Infos zum Storchenfeierabend

Termine: 17. Mai bis 16. August 2014 jeden Samstag
Treffpunkt: 20:00 Uhr im Gasthaus „Zum Storchenhof“ Dorfstraße 11 in Rühstädt
Preis: 19 EURO pro Person

Von der Begegnung mit dem Biber dann demnächst! Ich mach jetzt auch Feierabend 😉
Claudi

Diese Recherche wurde unterstützt von Tourismus Marketing Brandenburg. Herzlichen Dank dafür!

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