Wie ich morgens um 8 Uhr über die blauen Fliesen und Dächer Budapests lief
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Stone Cold Crazy

Wie ich morgens um 8 Uhr über die blauen Fliesen und Dächer Budapests lief

Jó nápot!
Man muss offensichtlich nur lange genug über Niederschläge nörgeln, dann kommt die Sonne ganz automatisch. Heute also Sonnenschein! Blauer Himmel. Bitterkalt. Trotzdem. Aber man arrangiert sich bzw. hofft, möglichst lange im Auto herumgekutscht zu werden und steht dann trotzdem morgens um 10 auf dem Dach eines 4stöckigen Geologischen Instituts und schaut sich die Muster der blauen Keramikschindeln und Türmchen an.

Ich bin dem Jugendstil also aufs Dach gestiegen. Da war durchaus jugendlicher Leichtsinn dabei, allerdings wenig Stil. Obwohl ich dabei sicher stilvoller gewirkt haben dürfte als der Rentnerverein, den Geologe Peter vor mir aufs Dach gelockt hatte. Samt Krücken über die Hühnerleiter! Absicherungen kennt man hier auch nicht unbedingt. Das hat besonders dann Nachteile, wenn es so stürmt wie heute. Aber kommen wir mal zum Punkt. Das Institut für Geologie ist das Vorzeige-Haus für den ungarischen Jugendstil, Hauptmeister der Kreation: Ödön Lechner. Man vergleicht ihn gern mit Herrn Gaudí, der ebenfalls einen äußerst auffälligen Stil an den Tag legte und ebenfalls ein Faible für Keramikfliesen und Jugendstil hatte.

Herr Lechner hat sich wirklich Gedanken über das Gebäude gemacht, das er bauen sollte. Das Entree des Instituts hat viele Bögen und Gewölbe – das soll eine Höhle darstellen. Im Detail hat er dann Fossilien abstrahiert und eingebaut, von den vielen Blumen und Ranken mal abgesehen, die sowieso zum Jugendstil gehören. Arg verspielt alles, aber ich mag sowas ja. Andere seiner Häuser (sind noch 3 weitere in Budapest) haben entsprechend andere Elemente aus der Funktion des Hauses abgeleitet aufgesetzt bekommen, u.a. kleine Drachen, Phönixe und noch mehr Blümchen! Wie man mir erklärte, lag der Sinn dieser Elemente und den vielen himmelsweisenden Türmchen darin, dem Universum (Jugendstilisten sagten nicht Himmel) ein Stückchen näher zu kommen.

Richard, mein persönlicher Tour-Guide für den halben Tag, hat mich dann noch auf einen schnellen Spaziergang in den Zoo begleitet. Der hat nämlich einen Eingang im Art Nouveau (dat ist der franz. Name fürs gleiche Kunstdings). Das Interessantere ist jedoch das Dickhäuterhaus. Die Nilpferde und Fanten hausen hier wie die Maharadschas. Die Architekten wollten besonders kreativ sein und die einzelnen Tierhäuser im typischen Landesstil ihrer Herkunft gestalten. Also: indische Elefanten bekommen das Taj Mahal nachgebaut! Blöd, dass genau das nicht indische Bauweise, sondern arabische ist, aber als man das bemerkte war’s auch schon zu spät und die Moslems der Stadt (Ungarn war eine Zeit lang Osmanisches Reich) au den Barrikaden, weil da Elefanten unter maurischer Kuppel mit Minarett standen. Den Turm riss man kompromissbereit weg, der Rest blieb, mit samt der türkisfarbenen Fliesen und fiesen Nashorn-Fratzen am Friess. Ein Jahrhundert später errichtete man das Minarett wieder und baute sogar einen Ausguckbalkon darum, verteilte Ferngläser und alles schien fein, bis neben dem Zoo ein Spa mit Nacktbereich öffnete und der Run mittelalter Männer aufs Minarett verdächtig anstieg. Kein Zugang also mehr zum Türmchen. Ich meine, die Giraffen im Berliner Zoo leben auch in sowas Moschee-artigen…

Es gab noch mehr Art Nouveau, aber ich fürchte, dann schläft auch der letzte Zuleser weg. Kulinarischer Bericht gefällig? Ich speiste im berühmten Café New York. Das ist wirklich bekannt, zumindest bei Kennern der Kaffeehauskultur – also niemandem von euch 😀 In den 20ern und 30ern nutzten Künstler und Intellektuelle in den Metropolen Kaffeehäuser als Ort der Inspiration (nur 50 Jahre davor waren es die Pariser Spilunken und der Genuss von Absinth, aber das ist eine andere Geschichte) und Diskussion. Die Wiener Kaffeehäuser sind so weltberühmt geworden, und da die Ungarn und Ösis irgendwie immer zusammenhangen oder versuchten sich zu übertreffen, hat auch Budapest solche Kaffeehäuser etabliert. Das New York war ursprünglich ein New Yorker Versicherungsgebäude, hatte aber schnell nebenan ein Cafe eröffnet. Und das hatte 3 Stockwerke, ist heute noch voller roter Eiche, Marmorsäulen, Deckengemälde, Goldprunk und Schnörkel, die einem eigentlich die Augen verätzen. Richard nannte es eine Touristenfalle. Der Koch sei heutzutage Italiener und kein wirklich guter, die Gerichte hoffnungslos überteuert und man solle daher lieber nur beim teuersten Kaffee der Stadt bleiben. Ich hab mir eine heiße Schokolade mit Chili gegönnt – das feuert! Richard wusste außerdem aus der Geschichte des Traditionshauses zu berichten, dass man früher sogar Papier und Tintenfässchen zum Kaffee bekam, weil jeder Gast ein Schreiberling war und jederzeit ein Gedicht oder wichtige chemische Formel hätte verfassen wollen. Im Keller bunkerten sie daher nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch riesige Tintenfässer!

Toll, und nach einem langen Gespräch mit der Israelin von gestern über Konflikte von vorgestern und Reisen von morgen (sie träumt von Damaskus und darf nie hin!)… mussten wir uns von Richard verabschieden und den Spiegelsaal wieder verlassen. Ein kalter Spaziergang zur Makthalle, in der man schon kurz vorm schließen war. Ein paar müde Knoblauch- und Paprikazopf-Verkäufer standen da und drei Riesen-Salamis hingen auch herum. Aber kein Markttreiben im spektakulären Sinne. Also haben wir uns noch dreimal verlaufen, um den Heimweg länger zu gestalten und beide beschlossen, die heutigen Abendveranstaltungen abzusagen – zugunsten der eigenen Gesundheit und einer heißen Dusche. Meine Jugend bekomm ich auf die Weise zwar nicht zurück, aber vielleicht die Körperwärme von heute morgen. Kalter Tag, verrückte Gebäude, die meisten aus Stein.

Sibirische Grüße ausm Budapester Frühling!
Claudi

Ich reiste auf Einladung von Ungarn-Tourimus

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