Als in Frankreich Musik und Reisen zusammenwuchsen
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Als in Frankreich Musik und Reisen zusammenwuchsen

Immer wenn ich meine Eltern besuche, muss ich in den Keller. Ich nutze ihn als Zwischen- bzw. Endlager für Kisten voller Kindheitserinnerungen, Jugend- und Studiums-Memorabilien. Mama will, dass ich die Kisten auf Entsorgungsmöglichkeit checke. Ich sag jedes Mal, dass ich all die Unterlagen und mein Chemiebuch aus der 5. Klasse sehr wohl noch aufheben muss!

Was ich im letzten Sommer offensichtlich nicht mehr aufheben wollte, waren meine Kassetten, selbst aufgenommene Mixed Tapes aus den späten Achtzigern „und dem Besten der Neunziger“! Die suchte ich an Weihnachten vergeblich. Ich muss im Sommer bei einer ähnlichen Aufräumaktion geistig umnachtet gewesen sein und sie weggeworfen haben. Tragisch! Was ich finden konnte: meinen Walkman Nr. 2. Ein roter Watson. Mein erster war rosa(!!!) – ein Geschenk von der Westberliner Tante. Der dritte und letzte seiner Art war ein schwarzer Sony, den habe ich mir in meiner schwarzen Phase, so mit 15, selbst gekauft.

Mixed Tapes mit dem Besten aus Pop (und ein wenig Rock)

Meine geliebten Musikkassetten waren keine legendären Sammlungen. Dank NDR2 und HR3 konnte ich alles aufnehmen, was so in den 80ern an Poppigem durchs Radio dudelte. Ja, Pop! Die Pet Shop Boys waren meine Helden schlechthin. Mit Neil Tennant hab ich Englisch gelernt bevor ich es als Schulfach hatte. „It’s a Sin“ und ich war hin. „Always on my mind“ war für mich nie ein Elvis-Song. Ein weiterer Berlinverwandter half mir mit Album-Kopien aus, überspielte mir Introspective und Please. Mein Klassenkamerad Henning und dessen älterer Bruder waren ähnlich gute Musiklieferanten. Von den fulminanten Konzerten der Pet Shop Boys konnte ich nur in der Bravo lesen. 2009 hab ich sie endlich live gesehen – mit Pippi in die Augen 😀

Walkman und Kassette

Mein zweiter Walkman und die einzige nicht-eingelagerte Kassette

Frankreich und Guns’n’Roses

Auf meine erste Reise ohne Eltern und ohne DDR fuhr ich 1992 nach Frankreich. Walkman Nr. 3 war natürlich dabei! Das Feriencamp wurde irgendwie über die Schule vermittelt, meine Freundin Grit und ich waren die einzigen Teilnehmer aus unserer Stadt. Auf der 30-Stunden-Busfahrt lernte ich erstmals französische Raststättentoiletten abschätzig zu beäugen, mit meinem heutigen Reisewissen kann ich sie sogar thailändischen Bodenklos gleichsetzen! In L’Amélie bei Soulac-sur-Mer in Aquitanien machten wir dann also mal nicht auf Ferienlager, sondern auf Dünencamping mit Halberwachsenen als Aufpasser. Teenager in Freiheit. Reisefreiheit!

Frankreich Camping in L'Amelie

Wir beteten den Atlantik an, jeden Tag aufs Neue. Er war ja direkt vor der Zelttür, nur ein paar Meter durch den Kiefernwald und über die Düne. Á la Plage mampften wir Baguette mit Streichkäse und Salami und sahen stundenlang den Wellen zu. Selbstverständlich sprangen wir selbst hinein. Jeden Sonnenuntergang nahmen wir mit. Wenn Wolken aufzogen, machte ein Silberstreif am Horizont dem Namen Silberküste alle Ehre.

Frankreich Küste Aquitanien

Dann verkrümelten wir uns in eines der Zelte im Camp, wo immer irgendwer saß und gerade die Sisters of Mercy aufspielte oder Guns’n’Roses. Wir machten Urlaub, keine Reise. Das Ausflugsprogramm beschränkte sich auf den regelmäßigen Besuch im Supermarché von Soulac-sur-Mer. In der Kleinstadt gab es außerdem das beste Softeis meiner damaligen Welt. Das „Une glace de chocolate, s’il vous plaît“ klang kurz vor der Abreise sehr flüssig! An den einzigen größeren Ausflug nach Bordeaux kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur eines: wir suchten nach einer Bank – und das auf Englisch. Damals habe ich gelernt, dass Franzosen auf Englisch aus Prinzip nicht antworten. Verstanden haben sie uns sehr wohl.

Soulac-sur-Mer

Im Frühjahr 1992 hatte MTV bereits die Grundlage für meine musikalische Weiterentwicklung gelegt, in Frankreich brachten sie mich endlich dazu, die scheußliche Stimme von Axl Rose cool zu finden. Es lag sicher auch daran, wer uns die Musik vorgespielt hatte 😉 Mein Walkman war mein Rückzugsort, wenn die Party zu laut wurde oder die falsche Musik über den gesamten Campingplatz schalte. Musik war da. Immer. Als unsere neuen Freunde aus dem Niedersachsen-Zelt wieder abreisen mussten, war das Drama groß. Wer will schon allein zurückbleiben? Wir waren allein mit dem Plage, dem Glace und dem Baguette und hörten „Don’t Cry“ in Dauerschleife.

Auf nach Frankreich 1992

Was haben wir gejault und uns die Lungen aus dem Hals geröchelt, um dieses letzte „Cry“ des Songs über eine halbe Minute zu ziehen. Es war unmöglich ohne Erstickungsanfall. Zugegeben, eine Ballade als Einstiegsdroge ins Hard’n’Heavy-Lager ist jetzt eher… nicht vorzeigbar.

Als ich wieder Zuhause war, musste mir meine Clique die Don’t-Cry Maxi-CD zum Geburtstag schenken und fortan ertragen, dass ich Hard Rock hörte. Ich schlug bei einem Musikversand zu und legte mir das blaue und das rote Illusions-Album zu und über diverse Wege noch ein paar Raubkopien auf Kassetten. Die Balladen waren bald gegessen und MTV2 hat mir Metallica vorgestellt.

Noch einmal Frankreich, noch eine Stufe härtere Musik

Zwei Jahre später fuhr ich wieder nach Frankreich, die letzte Klassenfahrt vor dem Abi. Es ging an die Côte d’Azur! Sonne, Parfums und das Casino von Monaco. Unsere Klasse teilte sich einen Bus mit einer fremden Klasse, darunter zwei „langhaarige Bombenleger“ mit fettem Ghettoblaster. Damit malträtierten sie das Nervenkostüm meiner gesamten Mädchenklasse. Und während alle anderen meckerten, fand ich die Musik dann doch spannend. Es war der Anfang einer schrecklich peinlichen Musikvorliebe: Manowar! Aber davon mal ein anderes Mal 😉

Bei Dick und Doof in Frankreich, 1994

Frankreich wird für mich immer das Land bleiben, in dem ich das erste Mal einen Ozean sah und darin herumsprang, das erste Mal mich selbst ernähren musste und das erste Mal Rockmusik zu schätzen lernte. Der nun im Regal eingezogene Walkman wird mich an all die Musikkassetten erinnern, die ich nicht mehr habe, aber auch an deren Songs, die ich sehr wohl noch kenne – Kinners, ick werd oll! 😀

Ihr dürft mir gern eure eigenen „Kriegsgeschichten“ ins Kommentarfeld schreiben. Ich bin Geschichtsfan! 😉

LG Claudi

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