Wie ich in Hammerfest in den Eisbärenclub eintrat
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True North

Wie ich in Hammerfest in den Eisbärenclub eintrat

Wir fliegen im hohen Bogen, das merke ich auch im Dunkeln. Die Lichter unter uns kommen sehr schräg ins Blickfeld. Aber Lichter sind gut, das heißt: da ist Zivilisation! Wir sinken und fliegen auf mehr Lichter zu, jetzt sieht es aus wie eine Stadt. Und die liegt wohl im Schatten eines Berges, denn der kommt gerade auf mein Flugzeugfenster zu. Ich denke noch, das soll also die Landung werden, da heben wir wieder ab, ein leuchtendes Schleifenband im Schnee unter uns, zurück in die Dunkelheit. Die Umsitzenden wirken ungerührt und wenig beeindruckt. Wenn ich eines beim vielen Fliegen der letzten Jahre gelernt habe: Runter geht es immer. Nach ein paar Minuten spüre ich wieder den hohen Bogen und sehe die hellen Lichter. Aha, wir nehmen also einen zweiten Anlauf auf eine der kürzesten Landebahnen (880m!) Europas. Und es klappt. Keiner klatscht, keine Durchsage vom Kapitän… wir sind alle Profis – gelandet in Hammerfest, 70° nördlicher Breite!

Polarnacht in der (fast) nördlichsten Stadt der Welt

Hammerfest leuchtet auch aus der Bodensicht. Es ist 15 Uhr, nur -2 Grad und im Eis der Fußwege und dem dunklen Hafenwasser spiegeln sich die Lampen – die der Stadt und die der Gas- und Ölfabriken auf der vorgelagerten Insel Melköya. „Die Sonne kommt erst am 22. Januar wieder über den Horizont“ erzählt mir Katja von der Touristeninfo. Die Polarnacht breitet sich über der (fast) nördlichsten Stadt der Welt (Honningsvåg liegt noch weiter oben, und nennt sich selbst auch Stadt, in Alaska gibt es auch ein Haus noch weiter nördlich…) aus.

Hammerfest Eisbärenclub

Für mein Vorhaben in dieser Stadt benötige ich kein Tageslicht, sondern eine geöffnete Touristeninfo, denn die beherbergt seit Jahren den altehrwürdigen Eisbärenclub (= Isbjørnklubben / The Royal and Ancient Polar Bear Society), in den ich ja schon vor 8 Jahren eintreten wollte. Ich bin da! Ich stehe in den Hallen, in denen ich zum Ritter geadelt werden kann. Und Katja hat den Schlüssel zum Schrank mit dem Knochen…

Adelung zum Ritter des Clubs

Ich muss auf einem Hocker knien und ernst wirken. Ebenfalls ernst schließt Katja in einer weniger einsehbaren Ecke einen Glasschrank auf und entnimmt einen langen Knochen. Ich kann nicht anders, ich muss grinsen. Ich weiß ja, was kommt. Dann geht alles recht rasch. Eine Berührung mit dem Knochen auf die linke Schulter, ein Knochenschlag auf die rechte Schulter. Es folgt die Formel „Ich adle dich hiermit zum Mitglied im Eisbärenclub und wünsche dir ganz viel Glück und Erfolg auf deinen polaren Expeditionen.“ Und das war es! Ich freu mich wie ein Schneider, diese Zeremonie endlich erlebt haben zu dürfen! Ich las davon vor Jahren im Lonely Planet und dachte mir: „Walrosspenisknochen als Adelsinstrument für die Ritter des Eisbärenclubs“ klingt so abgedreht verrückt, das machst du mit. Nun: ich habe es getan und bin Nr. 248972! 😀 Damit habe ich Elvis Presley etwas voraus, der nämlich zu faul war, hierher zu reisen, aber unbedingt Mitglied werden wollte. Nix da! Hier wird nur Mitglied, der den Weg und die doppelte Anlandung auf sich nimmt.

Mitglied im Eisbärenclub

Walrosspenisknochen

Arktische Jagd in Hammerfest

Nach einem Schluck Beerenmix in Blubberbrause kann ich mich der Ausstellung widmen, die ums uns herum aufgebaut ist. Ein großer ausgestopfter Eisbär und sämtliche arktische Tierwelt begrüßen mich zu einer Inforunde über das kleine Fischerstädtchen Hammerfest, das sich im Laufe des 19. Jahrhundert zu einem respektablen Ausgangshafen für alle möglichen Kutter gemausert hatte. Fangboote für Fisch, Robben und Walrösser starteten von hier genauso wie Wal- und Eisbärenjäger. Schaubilder und Exponate zum Thema arktischer Fischfang und Eismeerjagd hat man im Gang hinter den Souvenirs der Touristeninformation versammelt.

Hammerfest Eisbärenclub Ausstellung

Wozu einen Eisbärenclub?

Wer in Spitzbergen sein Jagdglück suchte und sein Leben aufs Spiel setzen wollte, heuerte in Hammerfest an. Es ist das wichtigste Steinchen in der Historie dieses Städtchens und eines, worauf man besonders stolz ist. Wer in den Eisbärenclub eintritt, zahlt (einmalig 180 NOK) für den Erhalt dieser Heimatforschung und das Fortbestehen dieser kleinen Sammlung, die irgendwann mal ein Museum werden könnte. Präparierte Tiere, Bärenfelle und halbe Walrösser an den Wänden machen mir schnell klar: Mit Tierschutz hat dieser Club nichts zu tun. Dabei hätte ich ja gern als Mitglied etwas für die Tiere tun wollen.

Hammerfest Eisbärenclub Ausstellung

Die Stadt der Eisbären

Der Eisbär ist erst seit 1937 das Wappentier der Stadt. „Er steht für Stärke, Geduld und Ausdauer. Die Stadt wurde mehrmals dem Erdboden gleichgemacht und doch immer wieder aufgebaut, man war hart im Nehmen“, erklärt mir Katja die Wahl des Eisbären als symbolträchtigen Stadtwächter. Der Bär ist automatisch zum Club-Tier geworden, als die Stadt beschloss, ihren Besuchern eine Art Zertifikat auszuhändigen, dass sie in der nördlichsten Stadt der Welt waren. Seit 1963 haben das fast 250.000 Menschen gemacht, ich inklusive! Dafür erhalten wir eine Anstecknadel und eine Urkunde, einen Ausweis und einen Aufkleber, der bereits auf meinem Laptop bappt. Anzufangen ist mit all dem wirklich nichts. Es ist eine kreativere Art des Mitbringsels.

Hammerfest Eisbärenstatue am Stadteingang

Eisbären sind logischerweise im gesamten Stadtbild zu finden. Am Stadteingang steht eine dicke weiße Eisbärstatue und blickt auf die Bucht in der dauerhaft blauen Stunde. Vor dem Rathaus hat man sogar zwei Statuen errichtet und silbern angemalt. Im Sommer grasen auf dieser Wiese auch gern die Rentiere und treiben die Anwohner in den Wahnsinn. Im Musikpavillon wurde das Wappentier eingeschnitzt und im Schreibwarenladen erhebt sich noch ein ehemals echter Knut – die scharfen Krallen in Handschuhen versteckt.

Hammerfest Eisbärenstatue am Rathaus

Hammerfest Musikpavillon

Lebendige Eisbären gibt und gab es in Hammerfest nicht. Ihre Felle (in Spitzbergen und auf Grönlandtouren erjagt) wurden hier bis in die 1970er gehandelt, vor allem junge Bären wurden von hier aus weiterverkauft an Zoos und Privatiers – ähnlich wie in Tromsö.

Hammerfest Eisbärenstatue mit Handschuhen

Hammerfest im Brennpunkt der Geschichte

Was ist sonst so in Hammerfest? Ich kenne es als Hurtigruten-Hafen. Neben dem Status „Nördlichste Stadt der Welt bzw. Europas“ hat es sicher allerhand einhergehende Superlative zu bieten, die mich aber nicht so reizen. Es ist derzeit die Boomstadt Nordnorwegens, wie ich am glanzvollen Lichterschein der Gastanker und Statoil-Fabriken sehen konnte. Ansonsten assoziierte zum Beispiel die Dame der Osloer Touristinformation beim Wort Hammerfest „Ah, da wo eigentlich alles neu ist, weil nach dem Krieg nur die Leichenhalle übrige geblieben war.“ Auch Katja legt mir vor allem das Wiederaufbau-Museum als sehenswert ans Herz. Verbrannte Erde ist das Stichwort. Hitlers Schergen haben die Finnmark und damit auch Hammerfest systematisch abgebrannt, die Leute immerhin umgesiedelt. Alles musste neu aufgebaut werden. Man sieht teilweise wirklich diese Kastenform-Bauweise der 50er und 60er, aber auch die klassische Norweger-Holzhütte. Ich hoffe, ich schaffe es morgen noch ins Museum!

Hammerfest Eisbärenclub am Hurtigruten-Anleger

Außerdem bin ich natürlich hier wegen der Polarlichter. Auf die macht man mir wenig Hoffnung, es sei meist zu stürmisch und wolkig. „Aber wir versuchen es trotzdem“ tröstet mich Katja, die für später eine kleine private Nordlicht-Safari anberaumt hat. Laut Vorhersage stürmen die Sonnenpartikel gerade wie wild. Daumen drücken!

Ich reiste Auf Einladung von Visit Norway, vielen Dank dafür!

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