Wie ich den perfekten Kanada-Kanu-Tag im Kejimkujik erpaddelte
bereist am:
Moon River

Wie ich den perfekten Kanada-Kanu-Tag im Kejimkujik erpaddelte

„Du bist zu langsam!“
„Ich sitze komisch, das geht nicht anders. Bist du sicher, dass ich so herum sitzen muss?“
„Ja, wie denn sonst?“
„Na andersrum. Und du auch.“
„Aber dann habe ich zu viel Platz nach vorne. Das ist doch auch komisch.“
„Guck mal, da vorne kommen welche. Guck mal, wie die sitzen!“

Jaaa, die sitzen andersrum in ihrem knallroten Kanadier. Dennoch: das hier wird der perfekte Kanada-Kanu-Tag! Stellt euch einfach die Mundharmonika und Audreys Stimme dazu vor 😉

mein knallrotes Kanu-Boot ... oder so ;)

mein knallrotes Kanu-Boot … oder so 😉

Es ist eben doch eine Weile her, dass ich in so einem Kanu saß und gepaddelt bin. Damals kam mir der Platz im Heck doch etwas größer vor, außerdem passt Schatzi ja problemlos mit den Beinen da rein. Gut… er sieht ein bisschen stark gefaltet aus. Wir machen die peinliche Paddelübung zum Glück auf dem besonders trägen kleinen Mersey River des Kejimkujik Nationalparks und haben nur wenige Zuschauer als man sich doch entscheidet, die Hintern und Beine auf den Ruderbänken, samt dem Kanu selbst einmal um 180 Grad zu wenden.

Spiegelglatter Mersey-River im Kejimkuji-Park

Spiegelglatter Mersey-River im Kejimkuji-Park

Volle Fahrt voraus auf den Mersey River

Ab hier sitz ich also vorn im Boot, das bedeutet wirklich ranklotzen. Ich sitze lieber auf der hinteren Bank und halte dann immer nur das Paddel zum Steuern ins Wasser. Als Vorderpaddler habe ich aber auch den besten Ausblick und vor allem einen Sekundenvorsprung beim Ausblicken auf blaue Wasserhyazinthen und weiße Seerosen, die sich im aalglatten, mittagsschläfrigen Flusswasser spiegeln. Ja, wir gehen einfach mal um 12 Uhr mittags paddeln – und Nova Scotia, Kanada und der Keji meinen es gut mit uns und machen den Himmel für die Sonne sperrangelweit auf.

Selfie im Paddelmodus, Kejimkujik Nationalpark

Selfie im Paddelmodus

Die Sonne versetzt uns in meditative Ruhe, gelassen lassen wir den schattigen Waldsaum aus Ahorn am Ufer vorüberziehen. Gerade mal drei Kanus begegnen uns in den 45 Minuten, bevor wir in einen vermeintlichen Seitenarm abbiegen. Wir haben an den Vorpaddler und den Steuermann gedacht, aber nicht an den Navigator, verdammt. Natürlich wird das Wasser schnell sehr flach, und das Schilffeld rückt uns stachlig auf die Seite. Es bleibt nur der Rückzug, wir staken rückwärts aus der Gasse raus. Warum kommt ausgerechnet in so einem Moment im kaum besiedelten Kanada, auf einem öden Flüsschen in der Pampa grundsätzlich jemand vorbei?

Der Kejimkujik-See hat Gänsehaut

Wir steuern zurück zum Ausgangspunkt namens Jack’s Landing unterqueren eine kleine Brücke, stoßen nicht an und visieren den Kejimkujik-See an. Der größte See des Nationalparks hat Gänsehaut. Kleine Wellen haben seine Wasseroberfläche zerhackt. Auf dem Rückweg kreuzen wir ein Kanu auf erstaunlichem Zickzackkurs. Das aufgeregte Palaver an Bord ist weithin über den Flussarm zu vernehmen. Wir sehen: Mutter, Kind und Vater in einem Dreier-Kanadier hintereinandergereiht.

Überkopf-Foto auf dem Kejimkujik-See

Überkopf-Foto auf dem Kejimkujik-See

Venezianer ohne Wiederkehr

Mutter stochert als Vorderfrau sinnlos neben dem Kanu im Wasser herum, sie streichelt das Wasser mit ihrem Paddel. Sohnemann in der Mitte scheint verängstigt und bewegungsunfähig. Vater im Heck paddelt hektisch abwechselnd rechts und links, versucht voranzukommen und zu steuern und nebenbei auch noch zu fotografieren. „Die sind ja lächerlicher als wir“, beschließen wir grinsend. Dennoch kommen wir zu nah und lassen uns heranrufen.

Wasserhyazinthen im Kejimkujik Nationalpark

Wasserhyazinthen im Kejimkujik Nationalpark

Es sind Italiener, darauf hätte man kommen können! Papa Italiano reicht uns seine Digi-Knipse ins Boot, wir sollen den Familienausflug fotografieren. Er bietet uns an, das gleiche für uns zu tun. Was, die teure Kamera über 2 wacklige Boote voller unfähiger Steuerleute reichen?! „Nein, nein danke.“ Es stellt sich heraus, dass da drüben Venezianer sitzen! Venedig, die Lagunenstadt! Gondolierebilder schießen durch meinen Kopf. Man muss ihnen zugute halten, dass sie vermutlich auch kein Glas blasen können, davon gibt es ja auch berühmtes in Venedig 😉 Wir lassen die Chaospaddler wieder in die Wasserhyazinthen steuern und erreichen nach 2 Stunden erschöpft das Ufer. Ganze 20 Dollar kostet uns das Vergnügen und die Gewissheit: wir können in einem Boot sitzen und kommen auch irgendwie voran, nur an Wettbewerben sollten wir nie teilnehmen.

Eichhörnchen lauert am Baum

Eichhörnchen lauert am Baum

Nach der ferienlagermäßigen Stärkung an der See-Kantine statten wir den Rehen des Nationalparks noch einen Blitzbesuch ab. Die stehen an den Straßenrändern mit den extrabreiten Grünstreifen herum. Es ist schon etwas irritierend, wie riesig dieser Park ist und wie sich perfekte Betonstraßen da durchwinden. In Parzelle 156 (von 360) warten bereits die Eichhörnchen auf uns und beobachten das Einparkmanöver – vermutlich skeptisch – aus den hohen Tannen.

Perfekter Sonnenuntergang an einem kanadisch perfekten Tag

Zum Sonnenuntergang bahnen wir uns zu Fuß den Weg im Slalom um Bäume, Trailer, Rad fahrende Kinder und hinterherlaufende Eltern zum See. Am Strand plantschen noch immer die Kids, ihre Aufsichtsperson macht keine Anstalten sie da rauszuholen. Als die Sonne bereits den Himmel färbt, brechen sie auf und machen den Strand frei. Wir machen es uns im kalten Sand bequem und gucken das Grande Finale in Orange. Um das Klischee zu bedienen und mir einen Bilderbuch-Kanada-Sonnenuntergang zu liefern, geht eine Kajakerin auf den See und macht das Katalogbild perfekt. So muss es sein. Da brauch ich auch keine Palme und nehme Vorlieb mit Kiefern-Silhouetten und kuschle mich an meinen Freund – ist aber auch romantisch hier.

Sonnenuntergang am Kejimkujik

Sonnenuntergang am Kejimkujik

Sonnenuntergang am Kejimkujik

Sonnenuntergang am Kejimkujik

Es ist ruhig am See, obwohl die Camper nur wenige Meter oberhalb des Strandes parken. Ein paar Enten schnattern sich durchs Schilf, perfekte Kanuten ziehen eine letzte Runde, wo wir heute Mittag die Venezianer kreuzten. „So sieht das also aus, wenn man damit schnell fährt“ plappere ich leise vor mich hin. Über uns geht der Mond auf und aus dem Himmelsorange wird eine Mondscheinserenade in Pink und Lila. Mit der Dunkelheit setzt schließlich auch der Wind wieder ein und treibt uns „heim“. Im Camper endet der perfekte Kanada-Tag. „Ich werde tierischen Muskelkater bekommen“ sage ich vorm Einschlafen noch voraus – soviel Aktivität an der frischen Luft schafft uns Städter eben.

Diese Recherchereise wird zum Teil unterstützt von Condor, Canusa, Tourism Nova Scotia und Tourism PEI. Herzlichen Dank dafür!

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