Reisetipp: Hundeschlittenfahrt in Nordnorwegen
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Reisetipp: Hundeschlittenfahrt in Nordnorwegen

Ich bin kein Hundemensch. Ich bin eine Katzentante, schon immer. Ist so. „Aber wenn Hund, dann Husky.“ habe ich schon immer behauptet, kam schließlich nie nah genug an einen ran, um irgendwas beweisen zu müssen. Aber jetzt im Twilight der abebbenden norwegischen Polarnacht rieche ich sie schon von Weitem. Als wir gegen 18.45 Uhr aus dem Shuttle klettern, sitzen bereits zwei Wachhuskys neben dem Gefährt. Betrachten aufmerksam die neuesten Besucher. Vermutlich denken sie „aha, den Pummel müssen wir heute also bugsieren.“ Nee, die denken nicht, aber ich habe Mitleid mit ihnen. Unbegründet, wie ich später lerne.

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Wir werden von Andrea begrüßt, Hamburgerin, ausgewandert. Wohnt eigentlich noch jemand in Deutschland? Andrea wohnt auf einer Husky-Farm ein halbes Stündchen von Tromsö weg, mitten im Nirgendwo. Wir sollen uns bitte auch so fühlen. Das hier sei die norwegische Wildnis, der perfekte Ort zum Ausspannen und Zivilisation hinter sich lassen. Nein, wir gehen jetzt nicht ins Wellnessbad.

Dick einpacken

Wir gehen in eine umgebaute Scheune, wo in den Regalen die Thermostiefel und Anzüge ordentlich aufgestapelt liegen und hängen. Ein jeder von uns wird genauestens von Andrea begutachtet. Es geht ums Outfit: „Noch was drunter unter der Jeans? Frierst du schnell? Wie viele Paar Socken stecken in den Schuhen?“ – Gegenfrage einer Engländerin in Turnschuhen „Reichen die?“ Auf lange Unterhosen, Jeans und mindestens 3 Schichten Pullover und Socken bekommen wir einen Thermoanzug, auf dass wir Michelinmännchen werden mögen. Egal, was warm hält, wird keiner modischen Evaluation unterzogen. Dazu noch Mützen und ich werf den Schal in die Ecke, der Anzug geht ja hoch genug. Fatal! Handschuhe – am liebsten auch in mehreren Schichten, aber man muss ja die Kamera noch bedienen können. Wir werden leiden, alle, für unsere Dunkelfotos von Schnee, Hunden und Nacht.

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Als wir die eigentliche Farm durch den Umkleideraum betreten, verstärkt sich der Geruch. Wir stehen umringt von 300 Hundehütten mittendrin. Hunde kläffen und jaulen, manche gucken uns auch nur an. „Die sind ganz lieb“ versichert Andrea. Diese Rasse sei zum Schoßhund geboren. Braucht viel Auslauf, hat aber nix gegen Menschen. Im Alter von zwei Wochen werden die Welpen an Menschen gewöhnt. Hinter der Hüttensiedlung stehen bereits die Gespanne. Dieses Jaulen! Musher wäre kein Job für mich. Das klingt mir zu sehr nach Leid.

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Unser Musher nennt sich Jack (vielleicht hab ich’s durch die Kapuze auch falsch verstanden), eigentlich ist er aber Schweizer. Noch ein Ausgewanderter. Jack ist Aussteiger, heute auch Aufsteiger. Das tun sie so als Musher, steigen hinten auf den Schlitten auf. Wir sitzen derweil im Schlitten, zu zweit auf Rentierfellen, bedeckt von einer Wolldecke. Jack stellt uns schnell noch das Team vor: 11 Hunde in Zweierreihe. Die beiden Leithündinnen Maria und Carina werden unserer Hundeschlittenfahrt die Richtung vorgeben bzw. auf Jack hören. Dazwischen ist Gypsy ohne Nebenhund und dann sind da noch 4 „Puppies“, die laut Jack für einigen Spaß sorgen dürften. Zu spät, wir kommen aus der Halbliegeposition mit den Klamotten so schnell nicht mehr aus dem Schlitten.

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Mit elffacher Huskypower am Fjord entlang

Musher Jack zieht den Anker aus dem Schnee, der bis dahin 11 zerrende, jaulende, bellende Zugmaschinen hielt. Wir sind der letzte von fünf Schlitten, der abhebt. Es ist 19.30 Uhr, stockfinster, etwas unter 0 Grad. Die Hunde wollen rennen, nur deshalb jaulen sie. Jack kann sich jetzt ganz unseren Fragen stellen, Carina und Maria machen das schon mit dem Laufen.

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Wir erfahren, dass es ganz normal ist, wenn weibliche Hunde leiten und männliche eher ziehen, also weiter hinten im Gespann laufen. Wegen der Puppies sollen wir uns keine Sorgen machen. Die laufen eben noch nicht so viel. Drehen einmal am Tag diese Runde von 10 Kilometer in einer Stunde, während erwachsene Hunde bis zu acht Mal am Tag in wechselnden Teams die Touris durch den Schnee bugsieren. Zu meiner Erleichterung quält es keinen Hund, wenn er einen fülligen Menschen ziehen muss. Denn ein Husky kann das Dreifache seines Eigengewichts abschleppen. Bei 25 Kilo Durchschnittsgewicht also völlig unbedenklich, wenn 11 davon 2 bis 3 Menschen ziehen.

Die Luft am Fjord, den wir entlang jagen und uns zwangsläufig gegen die Kurven lehnen, wenn wir in eine solche gehen, wird kalt und kälter. Ich hätte doch so eine Gesichtsmaske kaufen sollen! Die Finger in den Handschuhen werden steif, ans Fotografieren ist bei den Lichtverhältnissen sowieso nicht mehr zu denken. Die Hunde sind gut drauf, auch die Puppies machen keinen erschöpften Eindruck.

Achtung, Hund an Bord!

Umso mehr beobachtet Jack Hündin Gypsy. Die Gute ist 8 Jahre alt und verliert gelegentlich das Gleichgewicht, wie er erklärt. Er nennt es “Anfälle“, weiß aber nicht genau ob es Unterzuckerung ist oder vielleicht ein Herzproblem. Als wir jedenfalls nach 40 Minuten stoppen und die anderen in der Nacht und hinter einer Schneewehe entschwinden sehen, hatte Gypsy wohl einen solchen. Sie wird aus ihrem Geschirr gelöst und zu uns in den Schlitten gesetzt. Jack mit angespanntem Gesicht. Die Puppies sehen fertig aus, aber deren Ohren hängen ja natürlicherweise.

Jetzt muss es schnell gehen, Jack schiebt den Schlitten, als die übrigen 10 Hunde eine kleine Böschung hoch müssen. Gypsy schaut noch eine Weile den Kollegen zu, dann rollt sie sich zusammen. Ich schau in den Himmel: pechschwarz, drüben am Fjordufer ein paar Lichter. Aber keine Nordlichter. Die Finger frieren ab. Die Füße – trotz superduper-Snowboots und zweifacher Sockenlage – erzwingen Zwiesprache mit meinem Hirn: Wie lange muss Fleisch frieren bis es Frost hat? Ich hoffe, länger als 30 Minuten Hundeschlittenfahrt!

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Um 20.30 Uhr rollen wir an der Farm ein. Jack nimmt sich die Zeit und macht ein Foto von uns und dem Kühlerhund. Gypsy liebt die Kamera, posiert in alle Richtungen aus denen ein Blitz kommt. Für mich wirkt das Foto eher wie ein Nottransport aus den Bergen. Aber der Kollegin, die da so liegt, ging es prima! 😀

Wärmendes Licht, aber Nordlicht?

Zum Aufwärmen gibt es in einer Hütte Lagerfeuer mit Rentiersuppe und Eintopf, dazu frisch gebrühten Kaffee – norwegisch wässrig wie ich ihn mag! Beim Auftauen wird mir klar, dass ich endlich mal eine Hundeschlittentour gemacht habe! Sowas muss man erst einmal realisieren. Wir hören so einiges über Hundeschlittenfahrten und -rennen und wieviel Arbeit 300 Hunde so machen können.

Kurz vor Abfahrt von der Farm ein letzter Blick in den Himmel. Genau über uns ist eine sehr dünne Wolke. So dünn, dass man die Sterne durchscheinen sieht. „Das ist ein Nordlicht“ bestätigt Andrea, „aber ein ganz schwaches“. So schwach, dass es nicht mal eine Farbe hat. Ich beschließe, keins gesehen zu haben! Nein, ohne Grün, Rot oder Türkis gilt das nicht! Ich habe noch immer kein Polarlicht in Norwegen gesehen!

Jack kommt gerade des Wegs, als ich schon einen Fuß im Auto habe. Wie geht es Gypsy? „An Hundeschlittenfahrten wird sie nicht mehr teilnehmen“, sagt er. Die Hunde verleben ihre Rente in den Familien der Musher. Jack wird Gypsy zu sich nehmen und pflegen, sicher keine schlechte Rente.

Diese Recherchereise wurde freundlicherweise unterstützt von Hurtigruten, die auf ihren Norwegen-Touren solche Hundeschlittenfahrten zu Tages- und Nachtzeiten anbieten.

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