Wie ich mich beim River Floating in Finnland nass machte
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Go With The Flow

Wie ich mich beim River Floating in Finnland nass machte

Ich glaube, wir haben uns versöhnt, Finnland und ich. Schuld sind die Lupinen. Und Tampere. Vermutlich auch das gute Wetter. Und die Sonne, demzufolge. Vor 6 Jahren war es irgendwie nicht so meins, dieses Finnland. Graues Helsinki, Kamera kaputt am ersten Abend. Alles im Eimer. Nicht mal verrückte Leute, über die man gern lächeln und was erzählen möchte.

Heute sind wir uns wieder grün. Oder auch blau. Die Straßengräben voller blau-violetter Lupinen haben mich stark beeindruckt. Und in Tampere gibt es Museen, die sogar mir gefallen. Ich meine, in einer Werkshalle mit Riesen-Dampfmaschine Fotos von Weihnachtsmännern und Köchen aufzuhängen, hat was Amüsantes. Inspirierendes.

River Floating

Außerdem haben sie mir den Kopf gewaschen. Mit dem Flusswasser des Kuokkalankoski. Statt wie einst verkatert durch die Seenlandschaft zu schippern, haben sie mich in einen Raumfahrer-Anzug gesteckt und in den Fluss geworfen. Nagut, ich bin freiwillig hineingegangen. Was sollte man sonst auch an einem finnischen Sonntagnachmittag machen? Richtig: Man muss mit dem Flow gehen. In dem Fall, kann man im Flow floaten. River Floating ist keine finnischer Erfindung, aber die vielen Flüsse und Seen müssen ja irgendwie genutzt werden.

Finnland River Floating Raumfahrer

Als ich in diesen orangen Anzug stieg, hab ich schon geahnt, dass das kein ansehnlicher Wellnesstrip werden würde. Ich würde aussehen wie eine Orange auf dicken Füßen. Damit die Rundungen besser rauskommen, zog man mir noch eine gut gepolsterte Schwimmweste über. Und dann noch die Neopren-Kapuze, ein Helm und noch eine Kapuze. Die Gummistiefel viel zu groß. So stell ich mir einen Trip zum Mars oder Mond vor. Ob die Astronauten da auch vor dem Abflug erst mal in die Hocke gehen müssen, um die Luft aus dem Anzug zu pressen? Sah schon ein bisschen nach gemeinschaftlichen Töpfchengehen aus, wie wir da so im Kreis kutzten und pressten…

Finnland River Floating Anzug entlüften

Er würde absolut dicht sein, der Anzug. Hatten sie gesagt. Eine Stunde lang im Wasser liegen, wie schwer kann das schon sein? Wir sollten den Kopf nicht ständig heben, hatten sie gesagt, sonst haben wir morgen einen steifen Nacken. Wenn die Stromschnellen kommen, würden sie Bescheid geben, dann müssten wir mit den Füßen voran treiben, ansonsten könnten wir auch rückwärts im Strom mitschwimmen. Zum Vorankommen könnten wir mit den Armen rudern.

Finnland River Floating Marsmännchen

Raumfahrer voraus!

Und dann steht man bis zum Bauchnabel im Gewässer, der Anzug saugt sich augenblicklich wie eine zweite Haut an der ersten fest. Es wird doch kühl und da man ja auf Wasser guckt, fühlt sich kühl auch wie nass an. Kann aber nicht sein. Ich plumpse einfach nach hinten um und … geh natürlich nicht unter. Die Luft in den übergroßen Gummistiefeln hält mich über Wasser! Ich leg den Kopf zurück und los geht’s. Ich mach den Wasserengel, ein Schneeengel im Wasser halt. Es sieht ein bisschen nach Hilflosigkeit aus. Gehört aber dazu. Am Ufer stehen ein paar Einheimische, die hier hauptsächlich zum Angeln herkommen. Was die wohl denken, wenn da 10 orange Raumfahrer den Fluss langtreiben?

Finnland River Floating Start

Ich versuch mal kurz das, was der experimentierfreudige Mittreibende neben mir macht: Füße auf den Boden stellen, ohne Wasser an Hals oder Kopf zu bekommen (die Neopren-Kapuze lässt Wasser durch, so wie die Handschuhe). Die zweite Haut presst mich wieder auf eine Kleidergröße kleiner und ich mach den Cousteau, laufe auf dem Grund, Kopf über Wasser. Zu langsam ist das Vorankommen, ich begebe mich also wieder in die entspannte Rückenlage und ergebe mich dem Floating.

Wasserengel beim River Floating

Vom Floaten zum Schaukeln

An der ersten Stromschnelle kommt das begleitende Schnellboot zu mir „du musst zwischen den beiden Pfeilern in der Mitte durch!“ Lenken? Wie das denn? Auf der Wii versage ich regelmäßig beim Kanufahren und jetzt sich selbst steuern?! Einarmiger Wasserengel, links paddeln, nach rechts driften… ok, der Pfeiler ist außer Reichweite, ich werde nicht daran zerschellen. „Dann lehnen wir uns mal entspannt zurück.“ Denke ich und betrachte über mir den blauen Himmel, weiße Wölkchen in Form von Zuckerwattefetzen und den Beton der Brücke. Und hey, es schaukelt! Das übrige Treibgut lacht ebenfalls darüber. So macht das Spaß! Ich kann nur hoffen, dass die Wellen nicht höher werden und mich überspülen… Langsam wird die Kühle im Anzug und vor allem an den durchnässten Händen wirklich kalt. Es könnte auch nass sein. Aber der Anzug ist ja dicht, haben sie gesagt. Gut, dass wir alle nochmal auf dem Pott waren, bevor wir in diese hermetisch abgeriegelten Anzüge schlüpften.

River Floating unter der Brücke

Als ich so dahintreibe und die zweite Stromschnelle angekündigt wird, nehme ich alle Kraft zusammen, spanne den Hals und schau über die Spitzen meiner Stiefel hinweg auf eine kleine Insel im Fluss. Dort brechen kleine Wellen am Ministrand – oha und jetzt kommen sie auf mich zu, die Wellen! Schwapp läuft mir die Suppe übers Gesicht und durch die wasserdurchlässige Kopfhaube in den Nacken. Der Anzug ist absolut dicht und hält trocken, das haben sie gesagt! Das Schaukeln kitzelt die Lachmuskeln und versöhnt mich mit dem Schwapp. Trotzdem wird der Rücken nach 45 Minuten langsam sehr kalt. Ich gebe nicht auf, nein, ich werde ja wohl eine entspannte Stunde lang im Wasser liegen können! Ich danke dem finnischen Wettergott für den Sonnenschein und überlege kurz, ob ich doch die Sonnenbrille hätte aufsetzen sollen?

Ufer begucken beim Floaten

Man kann ja nicht einfach die Augen zumachen, es gibt ständig was zu sehen. Den älteren Herren zum Beispiel, der gerade aus seiner Sauna kommt und mit Handtuch um die Hüften am Privatsteg am Fluss Platz nimmt um runterzukühlen. Und dann die Angler! Nicht, dass die mich anhaken, unbedingt im Auge behalten! Nun soll ich auch noch abbiegen. Diese 1,6 Kilometer Floaten sind durchaus sportlich ambitioniert. Allein schon, um warm zu bleiben, mach ich so viele Wasserengel, wie der Himmel sie nicht beherbergen könnte. Nach 1 Stunde gebe ich noch einmal den Astronauten in all seiner Unbeholfenheit: über eine Leiter aufs Begleitboot klettern – spaßig vor allem für die, die bereits drin sitzen.

Finnland River Floating Speedboot

Der Anzug hält trocken

Überraschung beim Auspellen an Land: das „eingebildete“ Nass ist echtes Nass! Absolut trocken, hatten sie gesagt… Hose, T-Shirts, alles ein bisschen gewässert. Nehme ich Finnland das übel? Nein! Ich befinde gutes Wetter, lustige Leute und absurde Touristenbespaßungen für einen geglückten Teil des Mittsommerwahnsinns, den man uns versprochen hatte. Ich hänge den Hintern eine Weile in die Sonne, während ich schon wieder die Lupinen fotografiere. Das trocknet schon wieder.

Da Finnland und ich jetzt Freunde sind, kann ich ja schon mal sagen: ich werde es wieder besuchen. Das nächste mal im Winter. Ich muss ja immer noch das Nordlicht ablichten und ein Rentier knuddeln 😉

Tausend Dank auch an Anne von Visit Tampere sowie Jenny Ajoksenmäki vom Begleitboot, die Fotos vom River Floating gemacht haben! Kiitos, Anne & Jenny! 🙂

Diese Recherchereise wurde unterstützt von Visit Tampere. Vielen Dank dafür!

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