Warum ich Russland verließ ohne am Baikal Wodka gekauft zu haben
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Mother Russia

Warum ich Russland verließ ohne am Baikal Wodka gekauft zu haben

13. Juli: 9 Uhr. Irgendwo am Wasser. Der Zug hat gehalten. Wir steigen aus. Laufen vor zur Lok. Glückliche Gesichter kommen uns am vordersten Wagen entgegen. Scheint ja ein Spaß zu werden. Wir klettern die Leiter nach oben. Zur schmalen Plattform, die rund um die Lok verläuft. Alle drauf? Dann rollt er wieder los, der Zarengold-Express. Links von uns ein Berghang in Taigagrün mit gelben, roten und blauen Blumentupfern, dazwischen verdichten sich die weißen Stämme der Birken zu einem sibirischen Strichcode. Rechts von uns: Vater Baikal. Still uns starr ruht der See. Eine unschöne Wolkendecke verdunkelt ihn, haucht dem tiefsten See der Erde eine dunkle Aura ein. Eine kühle Brise weht uns um die Nase. Ja, wir sind Kühlerfigur!

Flora am Baikalsee

Auf der Lok um den Baikal

Mit 30 kmh schraubt sich der Zug durch die Kurven, immer am „sibirischen Meer“ entlang, durch Tunnel, und durch kleine Dörfer. Kühe springen von den Schienen, Wanderer und Camper winken uns zu. Die frische Luft fühlt sich auf der einstündigen Fahrt bis Port Baikal immer frostiger an. Im Führerhaus ist es kuschlig und warm, vor allem aber eng. Man drängelt sich spätestens nach 30 Minuten bei den Lokführern. Einer ist stumm und fotoresistent, der andere beantwortet mir zumindest die Frage, wie alt die Lok ist (35 Jahre) und wie lange es noch dauert bis zur vorläufigen Endstation. Beide Male antwortet er „20 Minuten“! Und dann grinste er wieder vor sich hin und wir alle starren in den nächsten Tunnel.

Auf der Trasse der Baikalbahn fäührt der Zarengold-Express um den baikalsee

Auf sibirische Körpertemperatur heruntergekühlt steigen wir in Port Baikal vom Eisernen Ross. Wir waren Kühlerfigur!

Baikalbahn

Ich war Kühlerfigur!

See-Überquerung nach Listvianka

Nun könnten wir Gallionsfiguren werden. Es geht aufs Schiff. Wir fahren über den Baikalsee. Den See, dessen Ufer man nicht sehen kann. Es soll das klarste und sauberste Wasser der Welt sein – aber ohne Sonne lässt sich der grauen Masse keine Tiefsicht abgewinnen. Dafür taucht das Ufer doch schneller auf als gedacht. Wir haben den tw. 80 km breiten Baikalsee mal eben in 1 Stunde überquert?! Nein, wir haben den Abfluss des Sees überquert und somit das Ufer der Angara – Tochter des Baikal – angelaufen! In Listvianka steigen wir in einem echten Oligarchen-Hotel ab, mit wichtigen Personen auf wichtigen Fotos an den Wänden und völlig unwichtigen Bedienungen, die so wunderbar russisch-streng (ich würde sogar unfreundlich und barsch sagen) uns mal eben weder Wichtigkeit noch Aufmerksamkeit widmen und mit dem Essen auf sich warten lassen. Katharina war echt nicht gut drauf. Hat mich trotzdem von dem Fisch verschont, den die anderen genüsslich als Baikal-Delikatesse wegfutterten. Omul heißt das Tier. Sieht sehr unwichtig aus, soll schmecken wie Aal und Hering im Duo. Was auch immer das sein soll.

Vom Baikal zur Angara

Die Jagd nach der Wodka-Flasche

Dafür habe ich MEINEN Wodka entdeckt! Wenn ich was Alkoholisches trinke, dann eigentlich nur mit Kartoffelschnaps drinnen. Und hier im Kühlschrank des Hotels da sitzt eine Matroschka als bauchige Glasflsche und hochprozentige abgefüllt. Das perfekte Mitbringsel. Aber laut Barmann die einzige ihrer Art und nicht unter 50 Euro zu erkaufen. Und los geht das Gezaudere mit mir und meinem Geiz… Vielleicht finde ich ja in den kommenden zwei Tagen sowas noch woanders zu kaufen.

Wodka Matroschka

Baikals eigenen Viecher

Einen lebenden Omul bestaunten wir im Baikal-Museum von Listvianka. Dort leben auch zwei Baikalrobben, die ganz putzig mit den kalten Schnauzen an den kleinen Beckenwänden langschrubben. Diese Speckrollen leben als einzige ihrer Art in Süßwasser und gehören neben dem Omul zu den endemischen Arten Sibiriens. Das Museum holt mit der Demonstration der Entstehung des Sees ganz weit aus und beginnt früh in der Erdgeschichte. Platentektonik, Faltungen, Risse, und ja: der See wächst. Jedes Jahr wird er tiefer und breiter, der volumenreichste Süßwassersee der Erde, von dessen Wasser sich die Einheimischen erzählen, es würde um 10 Jahre verjüngen. Ich werde also nicht baden gehen. Noch weniger Missachtung ob meines unzurechnungsfähigen jungen Erscheinungsbildes kann ich mir nicht leisten! 😀 Außerdem ist das Seewasser arschkalt! In einem warmen Sommer kann es 13 Grad werden. Aber wenn noch im April die letzten Eisschollen von der Oberfläche tauen, wie warm kann es bis August werden? Da ist der Sommer nämlich wieder vorbei! Es dürften unter 10 Grad gewesen sein.

Omul

Omul - lebendig im Baikal-Museum

Picknick am See

Wir flügeln weiter aus – per Sessellift zum Tscherski-Fels und dem Schamanen-Stein, umringt von farbenfroh im Wind flatternden Bändern an Geländern und Birken, die den leider diesigen Ausblick auf den See etwas erheitern. Am See selbst sitzen die Leute in Strandhütten und trinken Bier und Wodka. Achja, keine Matroschka als Wodkaflasche zu finden, auch keine hölzerne, die genug Platz für eine Pulle hätte. Stattdessen getrockneter Omul an allen Ecken und Ständen, und wir arbeiten uns zu einem Picknick-Plätzchen in waldige Umgebung vor. Dort wird getafelt wie beim Zaren mit Schaschlick und einem Wodka nach dem nächsten. Niemals ohne Trinkspruch! Aber vor jedem Gang.

Picknick am Baikalsee

Schamanen-Beschwörung

Mit dieser Grundstimmung nimmt man den angekündigten Schamanen auch nicht mehr ganz ernst, obwohl der sich echt Mühe gibt. Er als Sohn der Wölfe. Mit Verbindung zu Sonne und Erdkern. Die Zuschauer-Schar spaltet sich rasch in Skeptiker und Glauben-wollende und die, die es einfach mal beobachten wollen. Er reinigt und segnet die Erde mit Milch und dann werden Wünsche gesprochen, Stoffbänder um die Picknickhütten-Balken gebunden und Münzen zu Glücksbringern gesegnet. Schließlich werden Hände aufgelegt und immer mal ein Schluck Wodka hält den Magier in magischer Stimmung. Nach über einer Stunde ist der Spuk vorbei und ich laufe nun mit einem Fünf-Rubel-Stück in meinem Portemonnaie herum, weil ich ja nicht hundertprozentig beweisen kann, dass der Mann ein Spinner ist 😀

Schamane am Baikalsee

Schamane mit Wodka

Besuch im Kosakendorf

Tags darauf verlassen wir den Baikal und auch den Zarengold-Express werden wir nicht mehr betreten. Während die große Gruppe noch 10 Tage weiter entschleunigt bis Moskau, fahren wir Bus. Man beschaut ein nachgezimmertes Kosakendorf. Erbauliche Angelegenheit, hölzern und starr. Die Kirche ist sehr hübsch. Ein paar Pferdekutschen machen die Runde. Wir sind nicht auch noch Kutschenfigur.

Kosakendorf

Endstation Irkutsk

Wir fahren weiter nach Irkutsk. Allerlei Händler und die Dekabristen prägten die Stadt mit Architektur und Kultur. In einem Wohnhaus eines solchen Adligen, der den Zar an einem Dezembermorgen 1825 in Petersburg vertreiben und eine französische Republik gründen wollte, werden wir dem für einen Verbannten recht hohen Lebensstandard gewahr. Aber auch dort finde ich nicht die gewünschte Wodkaflasche. Am Ende reise ich ab – ohne in Russland Wodka gekauft zu haben! Aber wer sagt, dass ich nicht noch einmal die komplette Transsib-Strecke bis Wladiwostok fahre und dann in Listvjanka die 50 Euro auf die Theke haue? Naja, vielleicht besuche ich auch einfach nur meine Freundin in Moskau und lasse dort die Matroschka-Wodka-Fabrik ausfindig machen 😉

Mutter Russland, mit dir bin ich noch nicht fertig!

Vielen Dank an Lernidee für die Unterstützung dieser Recherchereise

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