Wie ich in Schottlands Nordosten auf Geistersuche ging
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Wie ich in Schottlands Nordosten auf Geistersuche ging

British Airways hat mich schon das ein oder andere Mal Nerven gekostet, warum also etwas anderes erwarten? Sie waren mal wieder zu spät mit dem Abflug, sind wieder über London gekreist und ja, der Anschluss war auch futsch. Dann steht man am unbeliebtesten Flughafen der Welt in einer 1,5-Stunden-Schlange am Serviceschalter und lässt sich noch 3 weitere Stunden umbuchen, bis man die eigentlich recht kurze Strecke Berlin-Aberdeen in nur 10 Stunden abgeflogen ist. In der Zeit fliegen andere nach Bangkok! Immerhin, sie haben es aufgrund der Verzögerungen geschafft, mein Gepäck mit zu verspäten, statt es zu verschlampen, soll in Heathrow nicht selten vorkommen.

Haggis speisen wie Draculas Vater vor 120 Jahren

Mein letztes Haggis dürfte ich noch im letzten Jahrtausend verspeist haben. Aber an den Geschmack kann ich mich augenblicklich wieder erinnern, als ich mit meiner Guidess Johanna im warmen, dunklen Gutsstübchen des Kilmarnock Arms sitze und das Nationalessen ordere. Nebenan teilen Schwaben und Bayern Profitipps zum Golfen aus – in St. Andrews findet gerade ein Championship statt. Das Kilmarnock Arms Hotel scheint der einzige Anlaufpunkt im Dörfchen Cruden Bay, eine halbe Stunde nördlich von Aberdeen. Muss um 1890 ähnlich gewesen sein, als sich Dracula-Autor Bram Stoker samt Frau in das einsame Örtchen an der Ostschottenküste zurückzog. Hier hat er über Jahre hinweg immer wieder geurlaubt und auch geschrieben. Im Gästebuch hat er sich löblich über das Hotel geäußert. Slains Castle besichtigen wir aber erst am nächsten Morgen, schließlich muss man einen Schafsmagen voller Eingeweide erst einmal im eigenen Magen unterbringen und verdauen.

Slains Castle, Dracula-Muster-Schloss

Slains Castle – Draculas Schloss

Das 500jährige Schloss vor den Toren Cruden Bays, und vor allem seine Lage an einer windigen Klippe fand Herr Stoker so schaurig, dass er es zu seiner Ideal-Dracula-Burg ernannte, an der seine Hauptfigur auf den ersten Seiten des Romans vom tosenden Meer ans Land kriecht. Slains ist heute eine Ruine, nicht ausgeschildert, keine ausgewiesene Touriattraktion. Das Dach hat man Anfang des 20. Jahrhunderts abgenommen – ein Zeichen dafür, dass sich die Besitzer die Steuern nicht mehr leisten konnten und auszogen. Natürlich spukt es hier. Vor allem aber pfeift der Wind durch die entkernten Räume. Besonders gruselig ist das Schlösschen bei aufziehenden Regenwolken und stürmischer See. Da muss man noch nicht einmal die Geister des 21. Earls of Erroll und seiner Kutsche gesehen haben.

Fotos: Geisterschlösser und Geisterdörfer im Aberdeenshire

Coastal Trail durchs verschlafene Shire

Wir verlassen Draculas Gestade und Cruden Bay erst durchs kniehohe nasse Gras und dann in Richtung Norden, dem Coastal Trail durch die Grafschaft Aberdeen folgend. Eine weitere Küstenstraße bei immer wieder aufreißendem Himmel. Das Aberdeenshire ist der nordöstlichste Teil des schottischen Festlandes, eine flache Ecke Land, durch die Highlands abgeteilt vom wirklich ereignisreichen Teil Schottlands. Hier gab es keine großen Schlachten zwischen Jakobiten, Highlandern und Engländern. Nicht mal die Deutschen sind im Zweiten Weltkrieg hier hochgekommen.

Kinnaird Head Leuchtturm

Geister am ältesten Leuchtturm

In Fraserburgh steht der älteste Leuchtturm…Schottlands. Man hat ihm gleich ein Museum dazugebaut, damit die Geschichte der 750.000 Kerzenstärken auch noch mit Schautafeln gezeigt werden kann. Schottland kam sehr spät zu seinen Leuchttürmen. Bis in die 1780er waren Seewege nördlich von England unwichtig, man handelte ja nach Indien. Der Kinnaird Head Leuchtturm wurde auf einem früheren Schlossturm 1787 errichtet, bis 1978 mit Walöl in Feuer gesetzt und alle 30 Minuten „angeschoben“. Die 4-Tonnen-Linse wird zwar mechanisch in Rotierung gehalten, aber ohne regelmäßiges prüfen und Rädchen neu anschieben, geht es nicht. Heute warnt der Turm niemanden mehr, seit 1991 hat er einen kleinen Bruder, der mit automatischem und künstlichem Leuchtfeuer die Küste sichert. Aber der alte kann immerhin einen Geist aufweisen. Im Winetower, einen kleinen Nachbar-Türmchen, direkt an der Klippe hatte der letzte Besitzer den Freund seiner Tochter angekettet und von der Flut ertränken lassen. Daraufhin stürzte sie sich vom Turm und geistert seither als Sturmvorhersage durch das Gelände.

Küstendorf Pennan

Ein Dorf – eine Küste – eine Häuserzeile

Obwohl es die ganze Zeit bewölkt ist, tröpfelt es immer nur, wenn wir im Auto sitzen. In Pennan kommt sogar die Sonne durch die Wolken, nachdem wir einmal über die Strandpromenade flaniert sind. Pennan ist eins von drei niedlichen Fischerdörfern direkt am Strand, mit dramatischen Klippen im Rücken und rauer Nordsee vor Augen. Eine einzige Reihe Häuser bildet ein Dorf mit einem Pub, einer Telefonzelle und das war’s. Die Leute, die hier eisern den Gezeiten trotzen, sind reiche Aberdeener oder sogar aus Südschottland und machen hier Sommerferien. Im Winter soll es arg ungemütlich sein. Vom gegenüber gelegenen Klippenrand aus betrachtet sind die Dörfchen jedenfalls sehr ansehnlich.

Tölpel im Abflug

Tölpelkolonien am Troup Head

Und weil wir noch immer an der Küste sind, will ich mein Glück versuchen und nochmal Puffins gucken. Für eine Bootsfahrt ist das Meer zu unruhig. Daher wandert Johanna mit mir zum Troup Head, einer Klippe mit angeschlossener Tölpel-Kolonie und eventuell Puffins dazwischen. Wir wandern mal wieder „nur 15 Minuten“ über Feld und Wiese – die Hosenbeine werden zum zweiten Mal nass im hohen Gras – Hügelchen rauf, rum und dann zum Rand: alles voller weiße Kleckse. Und ein Geschnatter! Die Welt besteht nur noch aus Tölpeln und ich bin ohne Stolpern bis zu ihnen gekommen 😀 Dazwischen versuchen wir die kleinen Frackträger zu erspähen. Leider war mein Super-Duper-Objektiv nicht rechtzeitig vor Abreise eingetroffen. Es blieb also bei Tölpelbildern und sehr netten, wie ich finde. War windig dort, und die dunklen Wolken immer noch über der See. Wir flüchteten also wieder ums Hügelchen rum, hoch, runter und durchs nasse Gras.

Ein Fisherford muss nicht am Fjord liegen

Nach einem Kaffee-Stopp in Mac Duff müssen wir den zerrissenen Wolkenbändern über dem aufgewühlten Meer und den weiten Feldern Bye-bye sagen. Inlands fährt man dann natürlich nicht mehr auf dem Küstenweg, sondern auf der Schlösserstraße. Nichtsdestotrotz wollten wir den Abend thematisch passend beenden, trocknen Schuhe und Hose im Hotel schnell durch und begeben uns sodann nach Fisherford, in dem man uns nach 1,5-stündiger Ortsuche im „Fjord Inn“ dicke Steaks serviert! Warum das weit weg von Meer und See nun Fjord heißt, weiß niemand, aber Hauptsache Fleisch!

Mahlzeit und bis morgen 😉
Claudi

Diese Recherchereise wurde unterstützt von Visit Scotland. Herzlichen Dank dafür!

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