Wie ich mitten im Nordatlantik einen Drachen aufspürte
bereist am:
Living Daylight

Wie ich mitten im Nordatlantik einen Drachen aufspürte

Ich musste meinen Fensterplatz für einen fotografierenden Österreicher verlassen, aber während er noch flache, graue Landmasse im dunkelgrauen Wasser knippst, kann ich immerhin an dem nicht fotografierenden Österreicher zu meiner Linken vorbeisehen und im Landeanflug von Nebel umschwebte, dunkelgrüne Spitzen erkennen, die wie die Kammzacken eines schlafenden Drachen aus dem Atlantik ragen.

Shetland: schottische Inseln mit skandinavischem Einschlag

Der Lindwurm, der da in Wasser und Nebel zu schlafen scheint, ist nicht Nessie – man hätte es vermuten können, bin schließlich in schottischen Gefilden. Ich wollte in den nördlichsten Zipfel Schottlands, nun fahre ich im französischen Auto auf südskandinavischen Straßen unter britischem Recht. Schauen wir mal, wie lange das gut geht. Göd day also von der linken Seite der Straße, die mich über die Shetland-Inseln bis zum nördlichsten Punkt des Vereinigten Königreichs bringen soll. Sie ist übrigens prima ausgeschildert und kann auch per ÖVPN problemlos abgefahren werden, wie mein Reiseführer von 1987 zu empfehlen weiß.

Shetland Jarlshof

Shetlands Archäologie-Park Jarlshof

Der mystische Nebel legt sich schon kurz nach der Landung, ich kann also das Hotel erkennen, das unweit vom kleinen Flughafen Sumburgh auf freiem Feld vor der Küste steht. Ein altes Herrenhaus, mit vielen Schornsteinen und verspielten Erkern, um die der Wind pfeift. Ich habe bereits die erste Runde über das Nachbargrundstück gedreht: eine bemerkenswerte archäologische Sammlung von Hausresten aus Eisen-, Bronze-, Pikten-, Wikingerzeit und dem Mittelalter. Wer sowas toll findet… das ist der Platz zum Sein!

Papageientaucher auf den Shetlands

Mich zieht vor allem ein komischer Vogel auf die Shetlands – nein, nicht die Ponys! Die Ponys sind klein, aber eigentlich auch unspektakulär. Die stehen rum und fressen Gras. Aber Papageientaucher, hier heißen sie Tammie Norries, die sind schon was besonderes! Die können immerhin neben dem rumstehen und fressen auch noch Berge hochhopsen, 40 Flügelschläge die Minute tun und tapsig aussehen. Darüber hinaus ist der Tammie norrie ein hübsches Vögelchen, mit buntem Schnabel und schwarze-weißem Frack über den orangen Entenfüßen. Wenn sie sich strecken und den Rücken durchdrücken, könnte man mit ihnen eine Militärparade abhalten. Neben der nachgesagten Dummheit und relativ gut erkennbaren Tapsigkeit, macht vor allem der traurige Blick aus seinen dreieckig gezeichneten Augen den „Puffin“ (engl.) zu einem typischen Opfer von Mitleidssympathie.

Papageientaucher Shetland

Ich hab schon Puffins in Norwegen und Island gesehen – aber immer nur schwerfällig vom Wasser hochflatternd und ohne ordentliches Kameraequipment. Nun hab ich ja alles, was ich brauche und fahre, im Slalom um die Schafe herum, zum südlichsten Punkt Shetlands und dem dortigen Leuchtturm am Sumburgh Head, wo sich die Vögel eine hübsche Klippe zum Brüten und Sonnen ausgesucht haben. Warum Tammie norries dumm sind, erkennt man, wenn man sich ihnen nähert: sie gehen nicht weg. Im Gegenteil, sie werfen sich in Pose und machen den Offizier in weißem Laibchen und schwarzem Rock. Man fotografiert zu fünft mit Objektiven, die größer sind als die Vögelchen selbst. Das habe ich also den halben Abend getrieben, bevor ich mir Abendessen gönnte (nein, hier essen sie die nicht, aber woanders schon!) und mich erstmals gen Norden orientierte.


Puffin Fotos

Insel Mousa im Simmer Dim

Dort gibt es in Cunningsburgh einen alten Fischer, der in den hellen Sommernächten, dem Simmer Dim, die Touris scharenweise auf die kleine unbewohnte Insel Mousa schippert. Dort bewege ich mich mit 30 anderen Leuten im Gänsemarsch bei unsicherer Dämmersicht durchs nasse Gras. Die größtenteils Rentner deuten wild in alle Richtungen. Schatten huschen weg, war da was? Man verewilt vor einer Mauer loser Steine (damit der Wind durch kann, statt die Mauer umzupusten), die augenblicklich flüstern. Nein, nicht flüstern, eher quäken. Begeisterte Blicke bei den Ornithologen!

Shetland Schafe

Ein paar Minuten mehr Fußmarsch und man oht und aht schließlich völlig entzückt um mich herum. Wir haben den uralten Broch, einen runden Wehrturm erreicht, an dessen Mauerwänden Scharen von Sturmschwalben rauf- und runterjagen und Haken schlagen. Es ein Spektakel zu nennen, wäre eindeutig übertrieben. Man sieht eigentlich kaum etwas, die Regenwolken machen den Mittsommerhimmel sehr dunkel, die Schwalben sind schwarz… naja, und dann noch der Wind. Das kühle Schauspiel endet nachts um 1.30 Uhr am Hafen von Cunningsburgh komplett erfroren und durchgepustet. Um 2 Uhr nachts habe ich erfolgreich alle Schafe, Hasen und Möwen auf dem Weg zum Hotel vom Straßentod verschont und kann den ersten Tag auf 60° Nord abschließen.

Ich sage, göd nicht und bis vielleicht morgen!
Claudi von ganz oben 🙂

Diese Recherchereise wurde unterstützt von Visit Scotland. Vielen Dank dafür!

Stichworte: , , , , , , , , , , , ,