Wie ich bei einer muslimischen Thai-Familie in einem Tsunami-Dorf lebte
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Age of Innocence

Wie ich bei einer muslimischen Thai-Familie in einem Tsunami-Dorf lebte

Sawathi-kah, ich grüße aus dem Regen!
Es ist Thailand, again. Es ist Phuket, again. Es ist nassfröhlich, again. Allerdings auf eine leberschonendere Weise. Über meinen beruflichen Aufenthalt im Land des Lächelns wusste ich bisher nur, dass es in ein Tsunami-Dorf geht und keine westlichen Toiletten zu erwarten sind. Und danach ein bisschen Erholung in gehobener Klasse ansteht. Nun sitze ich in Ban Tale Nok, bei den Unschuldslämmern, die die böse Seite des Tourismus noch nicht erlebt haben. Wenn sie Glück haben, bleibt ihnen manches davon auch erspart. Ihr Übervater wählt schließlich aus, wer bei den „Küstendörflern“ leben kann/ darf.

Marketing-Hilfe für Tsunami-Dorf

Bodhi Garrett hat das 230-Seelen-Dorf gerettet – erst vor den schlechten Hilfsorganisationen, dann vor den dummen Investoren, dann vor der Armut. Wenn man Mr. Garrett zuhört, kann nur er einschätzen, was die Ban Tale Noker so brauchen, wie sie ihren Lebensunterhalt (vom Tsunami getroffen und geschmälert) verdienen können. Und das geht seiner Meinung nach nur mit Tourismus, nachdem die direkten Hilfsprojekt-Arbeiten abgeschlossen sind. Sprich, die weggerissenen Häuser wurden neu gebaut – tatsächlich ein paar hundert Meter weiter vom Strand entfernt und die Schule steht jetzt auf einem Hügel und dient als Evakuierungszone. Bodhi gibt die vielbeschworene Marketing-Hilfe zur Selbsthilfe.

Bodhi Garrett von Andaman Discoveries

Liebevolle Unterstützung für Tsunami-Opfer

Ich habe den Schritt von „wir bringen die Leute in ihr früheres Leben zurück“ und „wir zeigen ihnen, wie man die weggeschwemmte Lebensgrundlage wieder aufbaut und wie man psychisch das Wellen-Trauma verarbeitet“ hin zu dem Entschluss „wir zeigen Touristen, wie die Menschen hier mit dem Tsunami fertig werden und weiterleben“ nicht wirklich verstanden. Erscheint mir nicht logisch, nicht aus lauter Gutmenscherei. Aber das scheint Bodhi wirklich zu sein. Er redet ganz liebevoll von „Silent Bob“ – einem der Fischer im Dorf, der äußerst selten etwas sagt. Er kennt die Geschichte jedes Einzelnen im Dorf und schwärmt von Frau Chas Nachtisch, den sie auch mit den ausländischen Hausgästen zusammen kocht.

Homestay-Programm

Er hat uns hier gelassen, damit wir das selbst mal sehen und unterm Moskitonetz auf spinnenfreie Nächte hoffen. In Ban Tale Nok sprechen nur wenige Leute Englisch und auch nicht besonders viel. Unsereins steht ja so über den Dingen – da lernt man nicht eigens für 3 Tage Aufenthalt Thai. Vor allem nicht, wenn es nur 5 Konsonanten und unaussprechbar viele Tonvokale zu kombinieren gibt. Es läuft also auf einen „Communication Breakdown“ hinaus. Aber da war ja Mai – reiner Zufall, dass wir auch im Mai reisen und die Silbe anders ausgesprochen auf Thai „nein“ bedeutet. Mai spricht sehr gut Deutsch, außerdem gern und viel mit vollem Körpereinsatz. Nach 24 Stunden Dauer-Beschwafelung hätte ich gern nicht nur den Ton seines Namens geändert! Aber Mai war der Einzige, der die Kommunikation zwischen Europäern und Thais herstellen und aufrecht erhalten konnte und das tat er ausgiebig.

Homestay bei Muslimischen Familien

So erfuhren wir, dass 47 Menschen von Ban Tale Nok den Tsunami 2004 nicht überlebten (darunter viele Kinder, die gerade in der Strandschule waren). Dass die Überlebenden u.a. zur psychologischen Bewältigung in verschiedenen Handwerken geschult wurden. Dass sie seit 2007 einen Raum in ihren Häusern Besuchern zur Verfügung stellen. Dass man als Kulturinteressierter und offener Mensch gern am Alltag der muslimischen Gemeinde teilnehmen kann.

Erstaunlich fand ich, dass in dieser Gemeinde das totale Matriarchat herrscht. Die Männer schweigen, halten sich zurück, schaffen allerlei Hilfsmittel bei – die Frauen sind die Macher, die Entscheider, die Betreuer der Gäste. Erstaunlich, sowas zu beobachten. Auf der Gemeindeversammlung, die wir während eines Stromausfalls im Lichterschein eines improvisierten Molotowcocktails mitverfolgen durften, betonte man auch die friedliche Ausrichtung.

Matten flechten

Kreatives Dorfleben zum Anfassen und Mitmachen

Was also haben wir dort getan? Da wären mehrere meditative Batik-Stunden zu nennen, oder auch ein Workshop im Seife anmixen und mit Förmchen aus großen Platten ausstechen. Wir haben Dachmatten aus Nypa-Palmenblättern zusammengeflickt. Wir haben viel scharfes Curry gegessen (und den Octupus-Curry verschmäht). Wir haben uns von Silent Bob durch den weggeschwemmten und nun von der Dorfjugend wieder aufgeforsteten Mangrovenwald schippern lassen. Wir haben den Zikaden gelauscht und die Gibbons im anliegenden Reservat für ihr Geschrei allnächtlich verflucht.

Wir haben dicken Regentropfen gelauscht, wir haben den Regen herbeigesehnt, weil die Luft danach immer etwas kühler war. Wir haben uns von den Damen der Gemeinde verkleiden lassen und für ein paar Minuten das halbe Dorf als „Babuschkas“ belustigt. Kulturellen Austausch, wir haben ihn vollzogen, würde ich sagen – auch wenn meine mitgebrachten Fotos wenig Begeisterung bei Gastmutter De auslösten (denn ich konnte nichts in Thai erklären, sie nichts in Englisch fragen). Die Geste zählt.

Batiken mit Homestay-Mutter De

Nach zwei Tagen fühlt man sich mit dem Moskitonetz eins, kennt fast alle Namen zu den Kopftüchern und würde tatsächlich gern noch ein oder zwei Tage mehr, einfach nur auf einem Holzboden hocken und Palmblätter zusammennähen oder Blumen auf Leinentücher malen. Ein Ort für Zivilisationsmüde, die unbedingt mal sehen müssen, wie simpel das Leben funktionieren und wie offensichtlich es weitergehen kann. Und auch, dass man sich in Porzellanschüsseln im Boden entledigen kann.

Mehr über Bodhi und seine sozial nachhaltigen Tourismusprojekte an der Andamansee: Andaman Discoveries. In ein paar Tagen dann mehr zum Luxus-aber-nicht-ganz-Kontrastprogramm.

Gute Nacht da draußen!
Claudi

Ich wurde von Andaman Discoveries und der Thailand Tourism Authority auf diesen Aufenthalt eingeladen. Vielen Dank dafür!

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