Reisetipp: Tidal Bore Rafting in Nova Scotia
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Reisetipp: Tidal Bore Rafting in Nova Scotia

Ehrlich, ich habe selten Angst – kein Problem vom Himmel zu fallen und nur wenig Bedenken, mich dem Wasserdruck von 18 Metern zu ergeben. Aber dieses Mal habe ich die halbe Nacht nicht geschlafen. Ich pflege das kalkulierbare Abenteuer, das heißt, solange meine Gesundheit von außerkörperlichen Faktoren abhängt (andere Menschen, meine Fähigkeit Techniken und Methoden richtig anzuwenden), ist alles ok.

Sollte das Abenteuer aber stark von der körperlichen Verfassung abhängen oder sogar Einfluss nehmen können, lass ich es lieber sein. Ich springe also nicht Bungee. Schnelles Strecken und Stauchen der Gelenke halte ich nicht für gesund. Vier Stunden lag ich wach und habe mir überlegt, wie gut so ein Geholper übers Wasser wohl meinen Rückenwirbeln und Bandscheiben tun wird. Man wird ja nicht jünger und hockt den ganzen Tag im Büro…

Lange Rede, kurzer Sinn: Trotz Bedenken geh ich heute zum Tidal Bore Rafting, das Abenteuer hat gerufen!

Vorbereitungen fürs Tidal Bore Rafting

Mit unserem Camper wackeln wir am 23. August um 11.30 Uhr einen kleinen Pfad bergab zum Rafting-Anbieter, wo der enge Parkplatz bereits gut gefüllt ist. Man steht Schlange, um seine Mitfahrt auf den Shubenacadie River zu begleichen. Um 12.45 Uhr wird das Zaumzeug verteilt: Lifejackets und Regenjacken, Hosen und Stiefel für die wilden Rafter. Man erkennt die wenigen Touristen ganz leicht in dieser Ansammlung. Sie nehmen die komplette Palette an Klamotten mit.

bereit zum Tidal Bore Rafting

Die Einheimischen kamen in Boxershorts, Flipflops und T-Shirts. Die Cleveren sogar in Wetsuits – mehr benötigt der Kanadier nicht, um ins kalte Wasser zu gehen. Ich leg noch etwas Sonnencreme auf und erwerbe eine analoge Unterwasserkamera (wie so oft schon zu einem überzogenen Preis) und beschließe beim Anblick der vielfältigen Mitfahrerschaft, dass das hier kein Hardcore Rafting-Abenteuer werden wird und der Rücken sicher sein dürfte.

Zu den Booten!

Dann heißt es für 70 Leute, im Gänsemarsch einen kleinen Pfad nach unten zum Fluss tippeln. Ich trage Tauchschuhe, mit einer sehr geschmeidigen dünnen Sohle. Auf Schotterwegen wie diesem dann doch eher schmerzhaft als sinnvoll. Aber die können immerhin nass und schlammig werden, wir wollen die Turnschuhe ja nicht schon wieder ruinieren. Am Ufer zeigt sich der Shubie-River in seiner ganzen dreckigen Bräunlichkeit, ruhig und breit zieht er dahin.

Tidal Bore Rafting

Im rotbraunen Schlamm stehend werden wir unseren Bootsführern zugeordnet, immer acht jetten in einem Schlauchboot mit. Wie Kaugummi zieht sich der Schlamm beim Füße heben hinterher. Wir versuchen die Rampe zum Boot hinabzulaufen ohne auszurutschen, tückisch. Ich winke übrigens seit 10 Minuten in die Kamera – mein lieber Freund zieht es vor, trocken zu bleiben.

Ebbe auf dem Shubenacadie River

In Nathans Boot setze ich mich gleich mal nach hinten auf den Schlauchbootrand. Ein paar kanadische Twens sind an Bord samt einer GoPro – ja, ich wirke lächerlich mit der 20-Dollar-Knipse. Nathan erklärt uns kurz das Prozedere: immer festhalten und es ist noch NIE einer über Bord gegangen, falls doch, solle er bleiben wo er ist und nicht rumschwimmen. OK. Ich winke noch einmal Richtung Ufer, weil ich heute irgendwie das Winken für mich entdeckt habe. Dann navigiert Nathan flussaufwärts auf dem friedlichen brauen Wasser, es herrscht noch immer Ebbe.

Auf einer Sandbank mitten im Fluss steigen wir aus und warten auf die Gezeitenwelle, die Tidal Bore. Sie ist die erste Welle, die die Flut durch die Bay of Fundy bis in den Shubenacadie-River hineinpresst. Im braunen Wasser zeichnet sich weit hinten eine kleine weiße Linie ab. Als die ersten Boote am Horizont (anderer Anbieter) auftauchen, sitzen wir wieder auf. Eine kleine weiße Welle läuft unter unserem Boot hindurch, dann füllt sich die Sandbank in Sekunden mit Wasser. Es geht los!

Tidal Bore im Anmarsch

„Haltet euch mit beiden Händen am Seil fest!“ weist uns Nathan an. Das Seil verläuft da, wo wir auch sitzen, auf dem glatten, runden Bootsrand. Die Schlauchbootflotte steuert im Verbund flussaufwärts auf die große Gezeitenwelle zu. Sie reihen sich hintereinander in einer unsichtbaren Kurve auf, drehen in die rollenden braunen Wellen, die sich schaumig kräuseln, und geben Gas. Die Bootspartie steigt aufwärts mit dem Wellenberg, nur um Sekunden später im Wellental nicht immer sehr sanft auf die Wasseroberfläche aufzuklatschen. Wasser spritzt, die Hände krampfen sich am Seil fest. Hui, über die erste Welle lacht man aus Erleichterung!

Mehr Fotos vom Tidal Bore Rafting

Und wieder reiht sich das Boot gegen die Wellenwand ein, dreht in die anrollenden Berge hinein. Drei Meter bäumen sie sich jetzt schon hoch, Nathan gibt nur wenig Gas, lässt uns hochtragen von der Schokowelle, deren Geschmack sich als äußerst salzig erweist, als sie uns kurz darauf ordentlich überspült. Die Hosen sind nass. Im vorderen Bereich des Bootes jauchzen die Twens in ihren kurzen Hosen und zittern der nächsten Welle entgegen. Es geht jetzt Schlag auf Schlag, wir treiben mit der Flut weiter den Fluss abwärts, fahren nur noch kurze Kurven zurück und bleiben so auf dem vorderen Wellenkamm.

Vom Schaukeln zum wirklichen Rafting

Ich komme nur selten zum knipsen, denn Nathan hat sich eingespielt und das anfängliche Geschaukel über Wasserberge- und -täler ist ihm dann doch zu öde geworden. Wir sprinten mitten in die Berge rein, die uns komplett überspülen, jetzt hat auch der Friesennerz nicht mehr dicht gehalten. Ich weiß auch nicht, warum, aber ich finde das lustig. Was anderes, als drüber lachen, bleibt mir auch nicht. Es ist nicht unbedingt der Achterbahneffekt, aber leichtes Kribbeln im Magen gibt es schon, wenn Nathan sich Mühe gibt und nicht nur das Boot schaukelt. Die Sonne lächelt auf den nassen Abenteuerspielplatz und wärmt uns trotz der zügigen Schnellbootfahrt die nassen Häupter.

Die braunen Wasser der Bay of Fundy

Der Shubie führt übrigens immer dieses braune Wasser, da das aufwühlende Flutereignis regelmäßig Schlammiges aus der Bay of Fundy bringt. Nach zwei Stunden lustiger Fahrt und Krämpfen in den Händen sind wir – durchnässt wie die Katzen, mehrfach übergossen und gewaschen mit den Wassern Nova Scotias – zurück am Ufer. Mit triefenden Klamotten und Schuhchen müssen wir uns den Weg über die matschige Schlammrampe nach oben bahnen – ich habe Pinguine in Neuseeland bei solchen Anlandungen beobachtet, die sahen eleganter aus. Dann ist es geschafft. Ich winke mal wieder – als Zeichen meines Überlebens – und erfahre, dass einige der anderen Boote sehr wohl Leute verloren haben – Nathan war also nicht ganz ehrlich. Aber ER hat ja niemanden über Bord gehen lassen.

Tidal Bore Rafting

Aufwärmen beim Barbecue

Man spült noch am Anlandeplatz mit Erfrischungstränken das Salzwasser aus dem Mund. Ein Teil der Rafter geht nach 15 Minuten noch einmal aufs Wasser. Ich trolle mich derweil den steinigen Weg zurück zum Parkplatz, dusche das bräunliche Wasser des Shubie weg und wärme mich auf. Wer mit Camper reist, hat immerhin gleich eine Umziehkabine und frische Klamotten dabei. Für die mutigen Tidal Bore Rafter gibt es ein kleines Barbecue im Garten mit Blick zum Fluss, wo schon wieder orange Schlauchboote im braunen Wasser wirbeln.

Der Spaß kostet 85 Dollar und ist das abenteuerlichste Angebot, das ich in Nova Scotia finden konnte (der Paraglider war ja nicht auffindbar). Wer mehr Action braucht, muss in der Bootsspitze fahren. Ansonsten ist das Ganze ein netter Geschwindigkeitsrausch, aber nicht die Wahnsinns-Achterbahnfahrt. Aber wann hat man schon die Möglichkeit, den Wassern des stärksten Gezeitenstroms der Welt so nah zu sein?! 😉

Nützliche Infos

(Ge)zeiten: Gezeitenpläne hängen in Nova Scotia in allen Touristenbüros aus. In den Broschüren der Rafting-Anbieter sind außerdem Tabellen aufgeführt. Sie fahren bis zu zweimal am Tag raus, je nachdem wie die Fluten kommen.
Mitbringen: die ältesten und dunkelsten Sachen, die ihr habt. Es wird garantiert alles nass und das Wasser hinterlässt Farbspuren. Wer seine Schuhe im Schlamm nicht ruinieren möchte, nimmt Badeschuhe o.ä. mit. Außerdem Sonnencreme, angeleinte Sonnenbrille und eine wassertaugliche Kamera
Buchen: man kann per Internet Wochen im Voraus buchen, oder einige Tage vorher über Telefon. Touristeninfos übernehmen das auch gern.
Kosten: mit der Tide steigt der Preis. Angebote starten bei 60 Dollar für 2 Stunden.
Anbieter: shubie.com, raftingcanada.ca, tidalboreraftingtours.com, tidalborerafting.com

p.s. Die unsäglichen Schwarzweiß-Fotos sind mit der analogen UW-Kamera geknipst. Alles Bunte hat natürlich der trocken gebliebene Freund geschossen 😉

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