Wie ich in Sibirien einen Amerikaner heiraten musste
bereist am:
The Long Way Round

Wie ich in Sibirien einen Amerikaner heiraten musste

Nachtrag Transsib vom 10. -12.Juli. In den letzten Wochen geht es hier so rund, ich komme kaum zur Aufbereitung (weder Blog noch Print)… Aber ich muss euch unbedingt erzählen, wie ich in Sibirien an einen Amerikaner verheiratet wurde!

Pass-Check im Niemandsland

An der Grenze zwischen der Mongolei und Russland brachten wir und der Zarengold-Express ganze (völlig normal so) fünf Stunden damit zu, zu Warten, Pässe blättern und stempeln und den Zug inspizieren zu lassen. Klassische Musik (die Moldau?) spielte während der kurzen Fahrt durch Niemandsland, dann die Durchsage, man möge auf keinen Fall Papier in die Toiletten werfen und eigentlich grad gar nicht „müssen“ müssen, denn die Zollbeamten würden auch unter dem Zug Inspektion abhalten. Amüsant, so eine Zugreise.

Sibirien aus dem Zugfenster

Sibirien – bunte Fensterläden und Kartoffelgärten

Draußen hatte sich das Bild schon geändert. Schwarz verwitterte Holzhäuser mit wunderbar erfrischenden farbenfrohen Anstrich an den aufwendig geschnitzten Fensterläden lassen sich von Kartoffelgärten umstehen, hin und wieder rostet ein alter Lada vor sich hin und irgendwo enden auch die tief hängenden Stromleitungen. Sibirien ist weit weg von Moskau, sehr weit weg. Die Wende mag politisch angekommen sein (es gibt Coca Cola), aber ob die Leute hier ein anderes Leben leben als vor 20 oder 40 Jahren, bezweifle ich stark. Wir tuckern entlang der Selenga, einem breiten Fluss, der arg bräunliches Wasser führt und uns in der Nacht zur Seite sprang und seit dem begleitet.

Sibirien Kartoffelgarten

Pro-Tipp: TV-Doku

All mein Wissen über Sibirien bestand bisher aus ein paar Infos aus dem Transsib-Reiseführer und der BBC-Fernsehserie The Long Way Round (Ewan McGregor, Charlie Boorman). In jener sehr empfehlenswerten Serie reisen zwei Motorradfans von England nach Sibirien, müssen in der Mongolei u.a. Eingeweide-Eintopf bei den Nomaden essen und in Sibirien von LKWs über Bäche und Sümpfe gefahren werden. Denn Sibirien scheint undurchdringbarer Urwald mit unüberwindbaren Wasserstellen und hilfsbereiten, improvisationsbereiten Eingeborenen. Tolle Serie, unglaublich schöne Landschaftsaufnahmen, gucken!

Bei den Altorthodoxen von Ulan-Ude

Meine Sibirien-Erfahrungen beginnen beim Ausstieg in Ulan-Ude, der Hauptstadt der Republik Burjatien. Von dort fahren wir erst einmal per Bus weiter in ein Dorf namens Tarbagatai, das sich vor allem durch einen meisterhaft singenden Chor „Altgläubiger“ hervortut. Wir treffen einige Mitglieder dieser altorthodoxen Gemeinde und ihren Priester. Sie sind eine der vielen Bevölkerungsgruppen, die man nach Sibirien vertrieben oder hierher in die Gefangenschaft geschickt hatte. Das ist es, was man auch von Sibirien vorher wusste: die Strafkolonie.

Priester im Jeep

In diesem Fall hatte sich die russisch-orthodoxe Kirche vor 450 Jahren gespalten in die, die Riten, einige Bibeltexte und Bestandteile der Eucharistie reformieren wollten und die, die bei den alten, von den Griechen überlieferten Riten und Sakramenten bleiben wollten. Nach der Reform wurden die Altgläubigen verbannt und verfolgt. Die Flucht nach Sibirien und andere Teile der Welt war der einzige Weg. 1905 wurde der Bann von ihnen genommen, ihre Glaubensrichtung als legitim erklärt. Bis heute hat diese überlebt. Mit ihr gehen spezielle Traditionen einher.

Doch die farbenfrohe Kleidung und eine andere Handhaltung beim Bekreuzigen, das Kruzifix selbst und ein Halleluja mehr als bei den Reformierten, ist längst nicht alles, was man uns vorführt. Nach einem opulenten, russischen Festmahl mit frittierten Teigfladen, Fleisch, Eier-Speck-Pfanne und immer mal einem Wodka zwischendurch, tritt der Gemeinde-Chor für uns auf. Ein Konzert mit Überraschung ist angekündigt.

Sibirische Gastfreundschaft

Galina und ihre Mutter zeigen uns Hof und Garten, bewirten uns und bringen uns dann ein Ständchen.

Hochzeit statt Folklore-Abend

Ich beschwere mich ja so gern, dass irgendwer im Bild stand/steht und benutze viel zu selten die Ellenbogen. Dieses Mal saßen 4 Reihen voller amerikanischer Senioren vor mir und der Abstand zum Chor war doch mit viel Lichtverlust verbunden. Ich kroch also neben die Reisegruppe in der 4. Reihe, um das farbenprächtige Ornat der Sänger aufzunehmen. Tja und dann kam Frau Galina auf mich zu, nahm mir die Kamera weg und zog mich auf die Bühne. Nichts schlimmer als das! Ich mag sowas ÜBERHAUPT nicht! Gar nicht! Keinesfalls! Aber was soll ich machen? Losreißen und flüchten? Die Senioren erwarteten Programm, meine Pressegruppe scheinbar auch. Und Galina redete auf mich ein. Nun verstand ich auch noch Russisch, ganz schlechte Voraussetzung für ein Entkommen. Nachdem ich der Ehe zweimal abgeschworen hatte, ließ die Frau nicht locker. Offensichtlich hatte der ganze Auftritt etwas mit dem Hochzeiten zu tun. Also, mitspielen, und ja sagen.

Sibirische Bauernhochzeit

Wo ich nie hin wollte: auf eine Bauernhochzeit , egal ob gespielt oder echt!

Fehler! Jetzt zogen sie die Klamotten aus den Kisten, steckten mich in tausende Röcke und Schürzen, umsagen und umtanzten mich und erklärten dem Publikum, wie man auf altorthodox die Ehe betrachtete und wie man ein heiratsunwilliges Mädchen verheiratete. Narf! Also lächeln und winken. Die Krönung war natürlich mein „Bräutigam“, den man vor der Veranstaltung aus der amerikanischen Gruppe weggefangen und ebenfalls neu eingekleidet hatte. Es blieb nur eins: Galina singen lassen und zusammen lächeln und winken. Robert (nein, leider kein Pattinson) war mit 56 der jüngste seiner Reisegruppe und daher auserkoren worden.

Lächeln und winken

Lächeln und winken!

Der Gatte ist bereits verehelicht!

Jedenfalls hatte das Publikum Spaß, die Pressegruppe fotografierte mit allem, was sie hatte, inkl. meiner Kamera. Nochmal Danke an „Paule“! Als es schließlich hieß, Braut und Bräutigam dürften nun ins Schlafzimmer, war ich doch gewillt, mich ganz schnell aus dem Staub zu machen. Lieber mit Ewan McGregor durch den Sumpf, als das hier! Zum Glück entpuppte sich das „Ehebett“ als das Ende der Tortur im Hinterraum! Ehrlich, ich habe so viel von Galinas Erklärungen zum ganzen Prozedere ausgeblendet, ich weiß nicht wirklich wie so eine Hochzeit eigentlich abging und was der Unterschied zum deutschen Zeremoniell ist. Ich meine, Brautentführung und dumme Spielchen machen wir ja auch. 😀

Eine ausführlichere Beschreibung meiner Hochzeit in Sibirien findest du in meinem Buch:
HimmelCover

Robert Morris und seine tatsächliche Frau traf ich später noch einmal auf einer Stadtbesichtigung in Ulan Ude vorm größten Lenin-Kopf der Welt wieder. Die sind als Großfamilie (seine Eltern und Bruder mit Frau) per Zarengold unterwegs. Übrigens war es sein Ansinnen nur deshalb mitzufahren, weil er noch nie in einem Zug übernachtet hatte! Das sagt einer aus Kalifornien, dem Land der Amtrak-Züge zwischen San Diego und Seattle!

Lenin-Kopf

Lenin - tonnenschwer. In Sibirien hat man die alten Denkmäler noch lange nicht entsorgt.

Was in Sibirien geschieht, bleibt in Sibirien

In Ulan Ude sieht man außerdem ein bisschen ansehnlichen Baustil, denn wir sind unweit der alten Teestraße und die Händler machten hier nicht nur Halt, sondern auch ihre Handelsposten auf. Kaufmannshäuser säumen den kleinen Boulevard, westliche Reklame auf und an allem. Zur Besichtigung der vielen Zwiebelturm-Kirchen im Ort bleibt keine Zeit. Wir müssen schon wieder in den Zug und zum Baikalsee! Ich erklärte übrigens beim Verlassen des Bahnhofes meine altorthodoxe Ehe für annulliert und hoffe wir können es dabei belassen: Was in Sibirien geschieht, bleibt in Sibirien!

Es grüßt die Ex von Rob Morris 😀

Vielen Dank an Lernidee für die Unterstützung dieser Recherchereise

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