Wie mich die Parade der Mongolen am Nationalfeiertag berührte
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Genghis Khan

Wie mich die Parade der Mongolen am Nationalfeiertag berührte

Die Band Dschinghis Khan hat ja offensichtlich nicht nur den eigene Bandnamen klischeehaft besungen, sondern auch den gesamten Rest der Welt. Moskau, Rom, Macchu Pichu, Puszta, Mexico und die Loreley, nix war vor Herrn Siegels Dichtkunst sicher! Und so erging es wohl auch den Mongolen. Ich wählte daher lieber die englische Version über den berühmtesten aller Mongolen von Iron Maiden – olle Ralle hat mir zu viele Stereotypen verbraten und Harris hat sich mit Lyrics lieber ganz zurückgehalten. Gutes Instrumental!

Blaskapelle vor dem Parlament der Mongolei

Parade für Dschinghis Khan

Ein solches Instrumental, ein wahrhaft monumentales ertönte am Morgen über dem Suchbaatar-Platz vor dem Parlament und ja, da sitzt ein breiter Dschinghis Khan in Stein gemeißelt und nimmt die Parade ab. Über allem ertönte ein Blasorchester mit einem epischen Marsch. Keine Militärparade, sondern wirklich die Abspannmusik aus dem Dschinghis-Khan-Film von 1965! Gute Musik rührt mich. Das war gute Musik! Auch wenn’s gräulich nieselte, die tapfere Truppe aus Dschinghis‘ Gefolgsleuten und dem Polizei-Orchester spielte tapfer und live die Hymne des stolzen Reiterepos‘. Mit Blick auf den steinernen Khan blies die Kapelle während die Reiterstaffel die Stufen des Parlaments hinunterschritt, ihre Standarten empfing und sich auf die Pferde schwang. Sie bliesen auch noch, als die neun Reiter längst auf dem Weg waren, das Gebäude und den Platz zu umrunden und das Publikum der Parade nachrennend durch die Orchesterreihen stolperte. Erst als alle anderen schon längst weg waren, folgte auch die Blaskapelle – zum Stadion von UB.

Blaskapelle vor dem Parlament der Mongolei

Kirmes am Nationalfeiertag

Das Stadion von UB gleicht am Nationalfeiertag einer Kirmes. Es gibt mehr oder weniger ansprechende Fressbuden, bunte, Spitzen besetze Regenschirme und Fotowände, vor denen man ein Familienfoto mit Dschinghis knipsen kann. Wer zum Fest kommt, hat sich rausgeputzt. Das ist hier kein Fasching oder Kostümfest, das sind die traditionell gehegt und gepflegten Kleider, Mäntel und Hüte des jeweiligen Volksstammes. Die mongolische Bevölkerung setzt sich aus mehr als 20 verschiedenen Ethnien (Mongolen, Burjaten, Kasachen, Russen, Chinesen, Dsungaren, Kalmücken etc… ) zusammen. Zum Naadam-Fest kommen sie alle stolz in ihrer traditionellen Kutte daher und lassen sich besehen.

Hübsch gemacht für das Nationalfest

Für uns ist der aufgerüschte Aufmarsch natürlich ein Freudenfest der Fotografie. Meistens mögen die Mongolen das – heute will man ja unbedingt auffallen. Derweil suchen wir uns, zwischen den übrigen Zarengold-Reisenden, auf den Rängen des Stadions unsere Plätze. Ein paar wackelige Holzbretter auf den recht hohen Sitzstufen erweisen sich für den Durchschnitts-Zarengold-Passagier schon als eine Hürde. Aber die Australier vor uns mit dem Übersetzer-Knopf im Ohr brummeln nur und bewegen sich einfach nicht mehr für die nächsten Stunden.

Dschinghis Fototapete

Naadam-Fest im Olympiastil

Wir hibbeln ein bisschen auf den Bänken hin und her bis endlich die Blaskapelle einmarschiert und die gekieste Stadionbahn abschreiten. Auf dem Grün des inneren Rund wird staatstragend exerziert und mit Standarten stechig geschritten – immer noch im Dschinghis-Ornat in den Nationalfarben blau, rot, gold. Es folgt der Auftritt der (symbolischen) Mutter Dschinghis Khans, die segnend ein paar Schlucke Stutenmilch in alle Himmelrichtungen verspritzt – mögen sich Dschinghis‘ Nachkommen mehren und vermehren. Im bestmöglichen Olympiastil schließt sich der Auflauf der Vertreter einzelner Volksgruppen zu diversen Formationen an.

Schaut euch das Video von der Naadam-Eröffungszeremonie an, das ich auf Youtube entdeckt habe!

Naadam-Eröffungszeremonie

Es wird getanzt und geturnt, solche Verrenkungen habe ich zuletzt in Äthiopien gesehen. Dann schmettern doch ernsthaft die 20 Teilnehmer der letzten „Mongolia sucht den Superstar“-Staffel ein schrecklich pathetisches Schnulzending a la Siegel ins Stadion, dass man die Gänsehaut Bänke hochkriechen sieht. Und finally tritt der Präsident der Volksrepublik auf die Bühne und erklärt – in blauem Seidenmantel und Fellmützchen – die Naadam-Festspiele für eröffnet. Jubel.


Fotos: Gesichter der Mongolei

Größtes Pferderennen des Landes

Theoretisch treten nun die Ringer an, es folgen die Bogenschützen und zum Schluss wird geritten. Aber wir sind schon wieder auf Busausflug. Denn vor den Toren der Stadt wird ein weitaus größeres Pferderennen abgehalten – den ganzen Tag schon in verschiedenen Kategorien – die Königsdisziplin des Reitervolkes. Als wir auf dem ewig langen und breiten, grünen Wellen der Steppe ankommen, parkt man schon die Wiese zu. Der Heuschreckenschwarm von gestern Nacht ist wieder da und hat sich überall ausgebreitet. Ganz UB scheint hier zu sein. Es gibt ein paar Pizza-Stände, getarnt als Jurten, eine kleine Zeltstadt, in der man u.a. Kaligraphien kaufen und die Schreiber beim Werkeln beobachten kann.

Naadam, ein Fest für alle Generationen

Naadam ein Fest für alle Generationen

Mongolische Kaligraphie

Da wird am Ende Passion stehen und die Mongolen werden fragen: was ist Tassion? Soll das Fashion heißen? 😀

Die Pferde? Ja, die rennen schon. In westlicher Richtung, 22 Kilometer entfernt sind sie vor ein paar Minuten losgejagt, nachdem sie zuvor, die 22 Kilometer von der Jahrmarktswiese aus losgetrabt sind. Das Land ist ja auch groß genug, um nicht auf einer kleinen Rennbahn ewiglich im Kreis laufen zu müssen. Und so erwarten wir hier den Einlauf der Sieger – 7 bis 12-jährige Kids auf hart trainierten Wallachen.

Pferderennen in der Mongolei

Als der Sieger am Horizont durch den aufgewirbelten Staub aus der dunstigen Gegensonne tritt, jubelt die Volksmasse am Zieleinlauf. Egal wer es ist, er hat es in einer knappen halben Stunde geschafft, das Huftier durch die Pampa zu jagen. Mit kräftigen Peitschenschlägen kämpft sich der Junge an die Ziellinie heran. Ihm folgen kurz darauf die nächsten nach. Die Pferde schwitzen sichtlich, die Kids sehen irgendwie auch fertig aus. Als Mongole lernt man früher reiten als laufen, aber 44 Kilometer sind eine lange Strecke, auch wenn man ein Jahr lang nichts anderes trainiert hat. Meist stammen die Pferde nicht aus der Familie des Jokeys, sondern gehören einem Besserbetuchten. Der gibt vom Preisgeld oder Gewinn immerhin etwas ab. Die Atmosphäre an der Einlauflinie ist gespannt. Immer mehr Reiter kommen ins Ziel, manche Pferde haben ihren Reiter unterwegs verloren und jagen einfach mit der Masse mit.

Pferderennen in der Mongolei

Pferde sind wie Autos

Die Menschen am Rande sind begeistert von den anmutigen Tieren und dramatischen Momenten. Als beispielsweise ein Pferd kurz vorm Ziel zusammenbricht, geht ein Aufschrei durch die Reihen als hätte Becker Wimbledon versemmelt. Alle gucken zu, wie der kleine Junge vor dem liegenden Tier steht und es stupst. Hilfe ist sofort da, irgendwann trennt man auch Reiter und Pferd – das Kind muss traumatisiert sein. Es war vielleicht nicht Black Beauty, aber ein Trainingspartner für ein Jahr, der vermutlich beste Freund, den der Kleine im letzten Jahr hatte, ist tot. Herzinfarkt. Alle Wiederbelebungsversuche (2 Menschen pressen 1 Pferdeherz) zwecklos. „Das passiert öfters“ hat Gerelt gesagt. Ihre Pferde sind den Mongolen teuer und wertvoll, aber sie sind eben auch wie bei uns Autos: ersetzbare Transportmittel.

Pferderennen in der Mongolei

Nicht wenige kamen auf eigenen Pferden, um das Rennen zu sehen.

Die Spiele der Männer – seit Dschinghis Khan

Was das alles mit Dschinghis zu tun hat? Es ist nicht nachgewiesen, dass er diese Spiele erfunden hat. Aber das Kräftemessen der Männer war wohl auch schon um 1200 ein üblicher Zeitvertreib. Dschinghis ist allgegenwärtig. Seit 800 Jahren haben die Mongolen wenig geschafft, dass sie stolzer machen könnte, als einmal ein Weltreich beherrscht zu haben. Die Tatsache, dass heute fast doppelt so viele Mongolen in China leben, zeigt wie wenig geblieben ist, auf das man heute stolz sein könnte. Es bleibt nur, immer wieder auf diesen einen geschichtlichen Höhepunkt zu pochen. Und das in wahrer Überzeugung, so scheint es. Vielleicht geht es bei dieser Verehrung auch darum, die verschiedenen Volkstämme zusammenzuhalten, eine gemeinsame Kultur zu definieren – und die gab es vor 800 Jahren, als Dschinghis Khan das mongolische Reich erschuf.

Dschinghis Khan Statue

Hey Reiter, ho Reiter...

Wir verlassen jedenfalls das Land und UB mit der Hoffnung, bald etwas vom Aufschwung zu hören, auf den viele schwören. Die reichen Bodenschätze des Landes könnten es aus dem Stand eines Entwicklungslandes heben – sofern der Korruption Einhalt geboten wird. Man kann es den herzlichen Menschen nur wünschen.

Und damit sind wir zurück auf der eingleisigen Bahnstrecke der Transsib für eine letzte Nacht auf mongolischem Territorium.
Ab morgen früh geht’s per Zarengold-Express durch Sibirien!

Gute Nacht da drüben und bis bald
Claudi

Vielen Dank an Lernidee für die Unterstützung dieser Recherchereise

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