Wie ich West und East Berlin in Kanada besuchte
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Where The Streets Have No Name

Wie ich West und East Berlin in Kanada besuchte

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Nova Scotia ist bisher eher nicht das Kanada mit den 1500er Bergmassiven, den beeindruckenden Gletschern und türisfarbenen Seen darunter und verwunschenen Tannenwäldern darum. Dass Nova Scotia (doof, man kann es im Deutschen echt nicht abkürzen) nicht das Bilderbuchkanada ist, war mir klar. Trotzdem wollte ich genau hier her. Denn vor ungefähr 10 Jahren las ich eine Geschichte von den beiden Berlins in Nova Scotia. East und West Berlin würden hier existieren und auch nach dem Fall der Mauer weiterhin als Ost und West getrennt bleiben wollen. Ich fand die Vorstellung kurios und wollte irgendwann mal diese Berlins sehen – da lebte ich selbst noch nicht im wiedervereinigten deutschen Berlin!

Ortseingang West Berlin, Nova Scotia

Hier war sie also, die Chance und am 20. August 2013 wurde sie Wahrheit! In unserem lustigen Camper voller Donuts fuhren wir als Echt- und Neuberliner am Ortseingangsschild von West Berlin vor, hielten an einer kleinen Ausbuchtung – noch im Dorf Eagle Head – und stellten das Stativ auf. Das Schild ist nicht zu übersehen, Kanada mag es ja eh etwas größer. Halb vom Gebüsch überdeckt, erspähen wir den alten Namen des Örtchens, vermutlich so benannt, bevor die Germans kamen und es umtauften: Blueberry. Aha, Blaubeeren. Ich wittere einen weiteren schließenden Kreis, denn Blaubeeren sind eine ganz große Sache in Kanada. Aber dazu später.

Kleine Fotosession unter West Berlins großem Schild

Das alte Blueberry liegt an der Blueberry Bay. Trotzdem duftet es nach Schwefel. Ich wusste es, der Westen ist die Hölle! Die Quelle ist nicht auszumachen. Wir nehmen eine Prise – sowas haut einen Berliner nicht um – und stellen uns in Pose. Dieses Foto ist wichtig, wir zeigen hier schließlich durch unsere Anwesenheit, dass es immer noch Berliner in West Berlin, Kanada gibt! Wenn sonst schon keiner der 75 Westberliners auf der Straße ist.

Gruppenfoto in West Berlin

West Berlin verläuft sehr eindimensional an seiner blaubeerigen Bucht. Eine Straße, nicht besonders lang, dann sind wir an den 32 Anwesen vorübergedüst, deren Vorgärten größer sind als die Häuser darauf. Eines davon wedelt mit einer Deutschlandflagge vom Dach. Ein anderes ist das Blueberry Sea Side Inn. Wir erkennen es nicht, wissen aber davon. Ich habe seine Besitzer daher nur per Email kontaktieren können, um etwas mehr über die kanadischen Berlins zu erfahren.

Holländer! In West Berlin!

Miquel Hasskin und Monique Tan sind Holländer (ja, ich musste auch schmunzeln) und betreiben seit 2011 das einzige öffentliche Leben in Berlin. „Es gibt einen pittoresken Hafen in West Berlin und eine Kirche, aber sonst… nein, kein öffentliches Leben. Früher gab es mal ein Community Center, einen Shop und eine Schule.“ schreiben mir die B&B-Besitzer. Und die deutschen Spuren? Wer wohnt bei der deutschen Flagge? Vermutlich ein Conrad, denn die Hassink Tans wissen „Viele der der 75 West und 49 East Berliner Einwohner haben deutsche Wurzeln. Wir haben Namen wie Wagner, Bauer, aber die Mehrheit heißt Conrad.“

Deutsche im kanadischen East Berlin

Der Sumpf, der zusammenhält

Erst nach Durchquerung West Berlins kommt man an die See – na, seht ihr die Parallele? Klar, bis zum Wannsee fährt man auch erstmal eine Stunde durch Deutsch-Berlin. Die Bay beschreibt einen kleinen sandigen Halbmond rechts der Straße, auf der anderen Seite steht Sumpf, die namensgebenden Blaubeeren, Heidekraut und kleinen Tannen. Die Grenze verläuft ohne Stacheldraht, Mauer und Brandenburger Tor. Es ist eine grüne Grenze.

Grüne Grenze zwischen Kanadas Berlins

Das mit dem Sumpf ist übrigens auch sehr interessant – das deutsche Berlin steht nämlich auch auf einem Sumpf. Als Onomastin dürft ihr mir vertrauen, wenn ich euch erhelle: Berlin leitet sich vom slawischen berl- ab, das soviel wie Sumpf bedeutet. Das –in deutete auf einen Ort.

In der East Berliner Pampa

Hinterm Ortsausgang gucken wir kurz zum kleinen Hafen, dem ewigen Meer dahinter und den schmalen Strand, dann bringt uns die East Berlin Road schnurstracks nach East Berlin. Vor dem Ortseingangsschild gibt es keinen breiten Parkplatz wie zuvor im Westen. Wir müssen bezeichnenderweise am Straßengraben stoppen – macht das mal mit einem Camper, der eh für alles zu breit ist! Die Kiste rutscht jedoch nicht in den Graben, der Beifahrer krabbelt beim Fahrer raus und dann stehen wir hüfthoch im Eastberliner Unkraut! Es folgt die Szene mit dem Stativ. „Gut, dass hier eh keiner lang kommt“, sag ich noch, da rauscht das erste Gefährt an uns vorüber. Klar, wenn es peinlich werden könnte, schickt dir das Schicksal einen Zuschauer.

Gruppenfoto East Berlin

Alles Pudding – bis 1886

Das Foto ist im Kasten, da sehe ich auch hier den alten Ortsnamen: Pudding Pan. Puddingpfanne? Puddingförmchen! Mit Blaubeeren dazu – ich finde echt keinen Grund, warum das peinlich sein sollte, die sollten sich dringend mal zusammentun, diese Berlins! Angeblich war es aber jemanden peinlich im Puddingförmchen zu leben und benannte nach einem Studium europäischer Geschichte die Orte in Berlins um. 1886 war das! Die kanadischen Ost- und Westberlins sind quasi viermal so alt wie die deutschen Pendants, die es ja schon gar nicht mehr gibt und waren von Anfang an in Ost und West getrennt als Anfangs- und Endpunkte der Bucht.

Immer gerade aus, nach East Berlin

Kanadas Berlins vs unser Berlin

An der einzigen Straße East Berlins stehen weniger Häuser als in West Berlin, 25 um genau zu sein. Ich habe auch den Eindruck, die Häuser sehen hier nicht ganz so hübsch rausgeputzt aus. Und dann auch das noch: Der Ort endet in einer Sackgasse! Immerhin stinkt es nicht wie in West Berlin. Die Hassink Tans können mir Gerüchte über lokale Rivalitäten zwischen den beiden Dörfern nicht bestätigen – also nicht mal eine Wasser- und Obstschlacht auf der Oberbaumbrücke.

Stellt sich die Frage, wieso kommt hier überhaupt jemand vorbei? Weil zumindest West Berlin auf der Leuchtturm Route liegt, die zwischen Yarmouth und Halifax mehr als 40 unterschiedliche Leuchttürme beherbergt. Klar, in keinem der beiden Berlins steht auch nur ein Turm. Aber nicht weit entfernt in Liverpool und Lunenburg zeugen sie von gefährlichen Gestanden.

Sackgasse  East Berlin Nova Scotia

Wir sind etwas enttäuscht von diesem Minidörfchen, diesem losen Haufen Berlins, jwd in Kanada. Aber es kann ja eh nur ein Berlin geben – das mit den vielen Verrückten in der U-Bahn (und einer U-Bahn überhaupt), mit den duftenden Dönerbuden und das mit der Siegessäule, dem Fernsehturm und dem anderen Turm irgendwo im Westen 😉 Dafür hat man hier keine verspäteten S-Bahnen, keinem absurden Flughafenbau oder ähnliches. Nur Ruhe und Meerblick. „Janz Berlin is eene Wolke“, sagt der german Berliner zu sowas. Wie es wohl in den anderen 117 Berlins so aussieht?

Wir sagen Tschüssikowski und machen dann mal rüber, biegen auf der Straße zwischen East und West Berlin nach Lunenburg ab. Die Ecke hier unten hat den deutschen Aussiedlern des 19. Jahrhunderts wohl gefallen.

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Diese Recherchereise wird zum Teil unterstützt von Condor, Canusa, Tourism Nova Scotia und Tourism PEI. Herzlichen Dank dafür!

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