Wie ich auf der Bay of Fundy buckligen Walen nachjagte
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Long Time No See

Wie ich auf der Bay of Fundy buckligen Walen nachjagte

Nomen est Omen, wir nächtigen heute in Whale Cove, denn morgen geht es von hier aus auf Wal-Schau. Zunächst treffen wie am Campingplatz nur eine alte Dame, die mit dem eigentlichen Besitzer verwandt, aber keineswegs verantwortlich ist. Ich nutze die Zeit, die Dame über ihren Süßigkeitenkonsum auszufragen. Nein, Donuts sind ihr zu süß und klebrig. Schade.

Rasenmäher-Feuerstellen

Nach einer Nacht zwischen Lagerfeuer-Rasenmähern, kann das Wal-Abenteuer beginnen. Mit einer Fähre geht es über den wirklich schmalen aber sehr strudeligen Sund nach Long Island. Nur ein paar Autos passen auf den Kahn, der innerhalb von fünf Minuten übersetzt. Auf der schmalen Long Island tuckern wir an Fischerhütten und Whale-Watching-Veranstaltern vorüber, bis wir den Abzweig links zum Balancierenden Felsen verpassen und ewig keine Wendemöglichkeit mit dem Wohnmobil finden… Mietwagen wäre hier doch vorteilhafter, stelle ich ein weiteres Mal fest.

Finde den Balancing Rock

Der Matsch schmatzt unter unseren Füßen. Die Fichten schlagen uns ihre Zweige gegen die Seite. Auf Holzplanken läuft es sich schon sicherer, aber eben nicht durchgängig. Man wusste vorher nicht wie lang der Weg zu den berühmten Küstenfelsen sein würde, und läuft und läuft und läuft. Und dann das: winkelig wendelnde Natur-Treppen durch Birkendickicht und Farnwald. Es sieht hübsch aus, diese Treppenlabyrinth, das irgendwo da unten im Wald ein unerfindliches Ende zu haben scheint. Dennoch treten bange Gedanken bei jeder Stufe gegen mein Hirn: Die musst du später alle wieder hoch!

Balancing Rock Trail

Noch mehr Treppen führen über Felsen und Wasser gebaut zu einer kleinen Plattform. Und da rechts, da steht er: der Balancing Rock, ein schmaler Langer, der nur mit einer Kante auf seinem untergeordneten Felsen die Balance hält. Man staunt, durchaus, wie dieser Fels da so fest in der Landschaft verankert scheint. Umliegend erheben sich Klippen aus braun-gräulichem Stein und mit Flechten ansehnlich überwuchert, es gibt nur leider keine Möglichkeit näher heranzukommen. Vom Wasser aus vielleicht noch. Es bleibt der eine Blickwinkel auf das steinerne Phänomen.

Balancing Rock in Nova Scotia

Wir müssen uns beeilen, die Walbeobachter warten auf uns! Also die Stufen wieder nach oben. Ich bin doch erst aus dem 4. In den 3. Stock gezogen, warum jetzt die Nummer mit den 10 Stockwerken?! Oben angekommen, puterrot im Gesicht und Brennen in den Lungen, kommt uns ein fittes Kanadier-Paar entgegen. Sie gehen hier jeden Sonntag „spazieren“. Es seien 234 Treppenstufen informieren sie uns und können sich das Grinsen über die Touris ohne Atem kaum verkneifen. Man wünscht sich noch einen schönen Tag und geht seiner Wege. Sie nach unten, wir zurück durch Pfützen und Schlamm, über Planken und Steine, 25 Minuten bis zum Parkplatz… Der Tag könnte sich jetzt mal entspannen, es ist immerhin 12.30 Uhr.

Auf zum Wahle Watching

Wir bekommen rechtzeitig unsere Tickets im kleinen Büro von Pirates Cove, dem Whale Watching-Veranstalter unserer Wahl, bevor wir an Bord der Fundy Cruise zu Kapitän Todd und seinen beiden Guidessen klettern. Ab Tiverton fahren wir zusammen mit 30 anderen Wal-Hungrigen raus in die Bay. Es ist ein relativ ruhiger Seetag, bedeckt aber nicht kalt. Eine ganz aufgeregte indische Familie ist ebenfalls an Bord, die Mädchen in Flipflops und kurzen Röcken, der Papa stolz auf die 5-köpfige Mischpoke, fotografiert sie am liebsten an der Reling, direkt vor dem Ausblick, den andere und wir suchen.

Claudi beim Whale Watching in Nova Scotia

Unsere Guidessen Janett und Chrissy klären uns auf über die Bay of Fundy und ihre Fisch- und Planktongründe. Buckelwale und Finnwale, Delfine und andere Kleinwale nennen diese Gewässer ihre Wohnstube. Wir dürfen als Whale Watcher immer nur Gast sein und müssen genau aufpassen, dass die Gastgeber nicht gleichzeitig mehr als 2 Bootsladungen begrüßen müssen. Neben uns flitzt ein Zodiac vorüber, wir hatten es für etwas riskant gehalten mit den dicken Kameras auf so ein Gummiboot zu gehen. Ich möchte wirklich ungern eine hochpreisige EOS 6D taufen.

Finnwale in der Bay of Fundy

Nach 30 Minuten zugiger Fahrt ins Blaue geht erstmals der Ruf durchs Boot „Blas! Da hinten ist einer!“ Tatsächlich, eine Wasserfontäne zerstäubt gerade zu einer kleinen Wolke. „Ein Finnwal“, erkennt Chrissy sofort „Die Jagdhunde der Meere, sehr schnell.“ Stimmt, eben noch auf 12 Uhr, lugt die kleine Rückflosse jetzt auf 9 Uhr neben uns aus dem Wasser. Er ist ein ganzes Stück weg. Während die hochgewachsenen Menschen und die indische Familie die Reling in Doppelreihen belagern, klettere ich auf die Sitzbank und versuche im Stehen das Schaukeln auszugleichen und gleichzeitig die Kamera ruhig auf den grauen Riesen zu richten.

Mehr Fotos vom Whale Watching in Nova Scotia

Während der Finnwal uns noch auf 9 Uhr beschäftigt, aber wenig von sich zeigt, schreit jemand auf 3 Uhr auf „Buckelwale!“ Und schon stürmt die Mannschaft zur gegenüberliegenden Seite. Ich muss nur die Füße und die Hüfte drehen. Kapitän Todd, der im Winter Hummer fängt und nur im Sommer Touris, dreht bei. Näher an die Buckeligen ran. Es sind Mutter und Kalb. Vergessen ist der Finnwal, denn Mutti und Kind scheinen neugierig und bleiben brav beim Boot.

Wale sind neugierig

Mutter Wal fühlt sich wohl und macht sich keinen Kopf, als der Sprössling auf den Kahn zuhält. Sie stemmt sich mal eben aus den Fluten und kracht in dieselben zurück, dass die Kameras hörbar im Sportmodus um die Wette klicken. Das ist meine vierte Whale Watching Tour, aber die erste, bei der ich so viele Wale und soviel vom Wal zu sehen bekomme. Auf diesen Anblick hat man doch immer gewartet! So hätte es immer aussehen müssen! Da klappt mir fast die Mütze weg.

Whale watching in Nova Scotia

Das Walkind ist mittlerweile unter dem Boot durchgetaucht und reckt auf der anderen Bootsseite neugierig seinen schwarzen Gewürzgurken-Kopf senkrecht aus dem Wasser. Er will uns sehen, und zwar ganz genau! Auch Walkinder haben schon Pocken im Gesicht. Ihre Flossen sind auf der Unterseite weiß, das sehe ich, als es sich zur Seite wegdreht und offensichtlich winkt. Wie geil ist das denn?! Winkende Wale! Mama macht währenddessen noch ein paar Platscher und dreht Richtung Zodiac ab.

Macht gar nichts, denn von der anderen Seite kommt ein weiterer Ruf. Neue Sichtungen! Drei erwachsene Tiere ziehen wie U-Boote knapp an der Wasseroberfläche neben uns lang. Sie schwimmen zwischen uns und einer privaten Sunset Cruise. Das besorgt Janett, denn eigentlich dürfen immer nur zwei Boote in der Nähe der Wale sein. Mit dem Zodiac hatte man daher auch Kontakt über Funk, aber die Kaffeefahrt da drüben will nicht abdrehen und erfreut ihre Passagiere mit besonderer Nähe zu den Giganten – ebenfalls nicht wie es sein soll. Immer mal wieder deuten die Wale an, abtauchen zu wollen. Die Mannschaft hält den Atem an: Werden wir einen Schwanzflosse sehen können? Je nachdem wie steil sie abtauchen, bieten die Wale so einen der reizvollsten Fotomotive. Zweimal sehen wir eine breitgefächerte Fluke! Die Boote scheinen sie nicht zu stören, sie ziehen einfach immer weiter nebeneinander her.

Man könnte ewig zuschauen und auf spektakuläre Sprünge oder Flukenklatscher warten. Doch nach zwei Stunden müssen wir umdrehen, zurück nach Long Island. Der alte Leuchtturm von Tiverton grüßt uns gegen 15.40 Uhr. Die Tour ist vorüber. Wir sind hochzufrieden mit der sechsfachen Wal-Begegnung und gut durchgepustet außerdem. Vor lauter Übermut versuche ich ein weiteres Mal, Kanadier zum Donut-Essen zu überreden – mit mäßigem Erfolg. Man kann nicht alles an einem Tag haben 😉

Whale Watching Informationen

* warm Anziehen, Windbreaker, Sonnenbrille
* Kamera mit: dickem Zoom oder Teleobjektiv, Sportmodus, zweiter Speicherkarte, zweitem Akku
* Veranstalter: besser vorbuchen. z.B. Pirates Cove Whale Cruises in Tiverton, Long Island
* Kosten (Stand: Aug. 2013): 48 $ pro Erwachsenen
* Webseite: http://www.piratescove.ca/

Wir lesen uns wieder, wenn ich den Muskelkater in meinen Armen verdaut habe – die Kamera über 2 Stunden so zu halten, ist doch schwerer als ich dachte…

Diese Recherchereise wird zum Teil unterstützt von Condor, Canusa, Tourism Nova Scotia und Tourism PEI. Zu diesem Ausflug wurde ich außerdem von Pirates Cove eingeladen und konnte die Leihkamera von Canon super testen. Herzlichen Dank dafür!

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